»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs der Meinung, ganz und gar nicht, daß zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute … Das da« – er schlägt die Handfläche auf die Notenseite – »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das Quintett; und seine Entwürfe, die Skizzen, die Sinfonie – gnädige Frau!« Seine Stimme zittert beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder … es geht mit ihm durch; aber ich lehne es nicht mehr ab … Um so ruhiger klingt die Antwort – und ich weiß, warum ich das bewundere.
»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe wenig von Musik, ich fühle mein Teil dabei, und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich hörte ihn eben reden und sah ihn, während ihr musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz aufmerksam. Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war eine Familie; und überdies ist ganz gewiß, daß Frau Doktor … daß diese Dame ihm nicht im geringsten zugetan war.«
Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier anstatt zu faulen; und mich schüttelt's.
»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen klage ich sie an? Wofür mache ich sie verantwortlich? Doch für ihre Stumpfheit, doch wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte wissen müssen, wie es um ihn stand, wenn sie ihn drei Monate lang wöchentlich dreimal sah! Was brauchte er anders um genial zu werden, reif zu werden, als das beglückende Anschmiegen dieser Frau? Sehen wir doch klar hin: um schaffen zu können benötigte er ein erträgliches Dasein, und weil er zart war, konnte ihm das nur von der Frau gegeben werden, die er liebte. Mochte das immer irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde – sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. Davon hat diese Dame nichts geahnt, wie? Sie hat ihn standhaft abgewiesen, nicht wahr? Sie war honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller Bürger gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos sterbenden Künstler in den Mund der Leute kam und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls Notiz genommen hätte … Sind Sie mir böse, gnädige Frau? Aber ich kann nicht ausdrücken, wie sehr ich sie verachte, diese zahmen Puten, dieses Geflügel ohne Hirn und Seele, gackernd und eierlegend – nein, gnädige Frau, daß einer wie Oswald Saach um so eine fortgehen mußte … das ist ein bißchen widerlich …«
Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch mit ungehemmter, etwas bissiger Neugierde. So sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten gewesen? Oder greift er in eigener Sache an, in der Verteidigung des Künstlers? Das würde einiges verändern, nicht? Wohl keiner von uns gibt ihm gänzlich recht, vermutlich sehen alle – ich gewiß –, an die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, mit gerechteren Augen auf die gescholtene Frau; aber wir wissen auch, hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Freundschaft; wenn es um Freundschaft geht. Ich stutze vor diesem Zweifel und finde erbleichend, daß ein unliebsamer Neid ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der einen Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke ich, wie Frau Eggeling – ist ihre Überlegenheit nicht staunenswert? – die Augen gütig auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt – da geschieht das Überraschende.
»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber das ertrage ich nicht länger!«
Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. Wer sprach sie? Claudia? Kann in ihrer tiefen Mädchenstimme so Auflehnung und Entrüstung beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei heftigen Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang zur Seite fahren, indem sie ungestüm an der Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! Tue ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel und löscht mit zornigem Atem beide Kerzen aus. Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. Was ist das? frage ich mich – was ist das? und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem Erschrecken gleicht – übrigens ist es wirklich Schreck – und jede andere Regung für Sekunden aus meiner Seele drängt: ich stelle mit Klirren meine halbvolle Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend … Aber ehe sie die Lichter ausblies, habe ich, – und erst jetzt wird es mir bewußt, – im Umdrehen ihr Gesicht erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, schwarz mit großen Pupillen. Ich begreife nichts, ich bin gewiß, niemand begreift. Sie fängt meinen Blick und antwortet, als wäre er eine Rede:
»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, Walter, ob du's auch nicht glaubst, aber ich!« und eine besondere Heftigkeit entlädt sich im letzten Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, die aber vor allem empfindet, daß dieser Ausbruch für Sirmisch und Klaus Manth fremdartig und zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz gestieltes Glas an die Augen und sagt scherzhaft, während sie sie forschend ansieht:
»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer Walter, wieviel Jahre kannten Sie Oswald Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen Tochter brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser Stimme. Aber noch ehe ich auf ihren klugen Spaß eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun, obwohl mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, ruft Claudia aus dem Dunkel:
»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für die Dauer der Verkenntnis. Geht mir damit, ja? Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen Strudel, den Sie in der Seele erregen. Ich liebe sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich heute fast verpflichtet.«