Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu Klaus Manth hinüberschießt, der sich schweigsam verhalten hat, wie er es am liebsten tut. Sein rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter Kopf wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters überragt, vor dem ich ihn sitzen sehe, und durch dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem nächtlichen Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich mir. Und warum nicht? ich erlaube sie mir nun gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond steht verschleiert inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, die einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, in beständigem Fließen. Es ist ohne Widerrede ärgerlich, seine eigene Nervosität am Himmel wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich dort und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen kalter Luft: das schwarze Blau der frühen Nacht trennt streng und feierlich die Ränder zweier Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine Maler begnügt sich indessen damit, erstaunt auszusehen. Du bist angeredet, rufe ich mir zu, entgegne. Antworten: worauf und was? Aber Alexander Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem stillen Danke und läßt mich weiter auf den Wind horchen, der soeben beginnt, weich an die Scheiben zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar ist mein Zustand, daß die Gespanntheit meiner Seele sich als eine Art nervöser Unaufmerksamkeit zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief innen, lauernd, staunend, schwarz und drohend – ein unheimliches Auge, das Claudia ansieht.

»Zeit oder nicht, gnädige Frau – was können wir vorläufig sagen? Wenn Fräulein Claudia ausgeredet hat, werden wir wissen. Ich warte; und bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia tritt zu unserm kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens sind es her, daß sie einem befremdlichen Gefühl nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst unerklärlichen Leidenschaft – und jetzt schon, in diesem Augenblicke, der ihr die zartbunte Teekanne in die Hand gibt, bedauert sie unsäglich ihre Aufwallung. Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in mir die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige Hoffnung des Rückzuges hinter diesen sehr abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes hineinsagt:

»Ich habe nichts mehr zu reden.« – Es ist für meine Ohren ein feines liebliches Geräusch, dieses Singen silberner Löffel auf zartem Porzellan, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, unausgesetzt an das zu denken, was sie verschweigen will. Nicht weil es um Oswald geht. Ich muß wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt. Dieses erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, habe ich etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der Dichter sieht sie nicht an; er betrachtet unhöflich, wie der dampfend goldene Teestrahl die weiße Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und sieht sehr abwesend und nicht gerade geistvoll drein; dann sagt er mit sachlich beherrschter Kälte, während er das Getränk durchwühlt, um den Zucker zu lösen und sich – irre ich nicht? – Mühe gibt, den kleinen Finger dabei nicht abzuspreizen:

»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das nicht genügt. Sie werden nicht umhin können, uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist nicht angängig.« Und dann bläst er auf die heiße Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem Munde. Wie er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte gemessen feindselig; spräche er mit einem Manne, so wäre das nächste Ereignis eine Forderung, ein Duell junger Herren; und ich lächele still über die imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit ihr beleidigt und ihr Beschützer sein … dies gibt den Grund dafür, daß er mir soeben winzig und belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm recht. Hatte sie sich nicht in einen Angriff jagen lassen, aus dem man nur nach vorwärts flüchten konnte? Jagen lassen – wovon? Ich vermag mir kein Bild mehr von ihrer Seele zu machen, die ich doch so lange als eine geliebte Landschaft besonnt und blumig gesehen habe … Finden sich da – ich frage nicht sehr kalt, meiner Treu – Abgründe, Dickichte und schwarze Wälder, in denen es sich schlängelt und ballt, und daraus eines Augenblicks solche Überraschungen hervorbrechen?

»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« Sie bittet und senkt die Stimme; »es ist so wenig erfreulich, und ich bedaure so sehr …« Sie blickt mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, dann die anderen, läßt zuletzt die schwarz fordernden Blicke auf Sirmischs Gesicht ruhen; und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's einen hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen sollte, als ich? Einen, der ebenso atemlos auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten Wesens wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das ist eine fast physiologische Antwort auf ihre Art zu bitten, auf Blick und Ton – mein Herz übertölpelt mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann es ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. Aller Reiz und wieviel Liebenswertes geht von diesem schönen Mädchen aus – dennoch bewegt ihr Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt sanft, mit der peinlichen Sanftmut des sicheren Mannes:

»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? Was könnte ich verweigern, wenn Sie so bitten … aber ich sitze hier nicht in eigner Sache.«

Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt … Sie hat ein lebhaftes Gefühl für seelische Verpflichtung, diese junge Dame, und wird nicht zögern, sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören und setze mich zurecht.

Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, bricht die Spannung und eine tiefe Ruhe breitet sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber wenn sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger lieben. (Ich werde doch hoffentlich?)

Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt sich besiegt; sie neigt das Haupt, ihre Brauen zucken zweimal – dann tritt sie wortlos nach hinten, aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie uns alle noch einmal anblickt, ihre Mutter an die Polster der Sofalehne geschmiegt, Sirmisch aufgerichtet neben dem Tische, den Maler, der in seinem Sessel verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes Gesicht das Licht erhellen mag, grell hervorquellend unter dem grünen Seidenschirm, mahnt sie noch:

»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und beginnt darauf, mit nur halb verwendeter Stimme, während sie hinten im Raume, an uns vorüber einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht schmerzfrei scheint: »Er hörte sehr bald auf, mein Lehrer zu sein, und was sich Menschliches zwischen uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir immer sonderbar. Freundschaft? Ach nein. Er war anziehend, aber mein Freund? Eruptive Menschen wie er, die in beständigem Pathos leben, sind für mich nichts; ich fürchte den Ausbruch, und dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter her stets merkte und auf eine peinliche Art auch aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, ohne Verpflichtung für das nächste Mal. Es haftete einfach auf immer an ihm, daß er von unten gekommen war.«