Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während meine Seele gierig harrte, daß Claudia, meine Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten sollte), wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun sinke ich in tiefes Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn auf halbgeschlossenen Lidern wie ein Bild: Fäuste, die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, graue Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich hell in der Röte bräunlicher Wangen und unter stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden Lippen, der Schwall der Worte, begeistert, empört, befehlend – immer glühend und gleichsam emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er vor mir auf und ab, dieser Gütige, der stets entbrannt war und sich so bald verzehrt hatte … Unterdes höre ich Claudia:
»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp wie er umherging, innerlich wie außen. Aber ich gab mir nach den ersten Stunden zu, daß er bedeutend und berechtigt war, im Pathos zu leben. Nun, er wußte bald, daß ich das Große in vielen Formen schätzen konnte, und außerdem verliebte er sich in mich.« – In mir klappt etwas zu: eine Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. Ich sitze starr; mir ist als fiele ich rapid und senkrecht ins Grundlose. Warum haben sie davon zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? – »Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus einer summenden Ferne, »ich brauchte nicht davon Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen jungen Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum erstenmal zu gepflegten jungen Damen kommen. Nach unseren Stunden gingen wir oft in der alten Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in dem ich meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr mit den langen Füßen in die braunen Kastanienblätter, daß es zischte – und die Augen immer am Boden oder bei den großen goldenweißen Wolken im Blauen hinter den geleerten Wipfelnetzen, sprach er von sich, immer von sich. Daß man einen Menschen seiner Art nicht lieben könne, daß man ihn als Zugabe hinnehme zu seinen Händen und seinem Musikerhirn, daß er sich nach nichts so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst liebe, ja, daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen Dummkopf zu tauschen bereit sei, und im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent nebst seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen gutes Im-Sattel-Sitzen und leidliches Tanzen hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein Scherzwort, etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit zu tauschen, und er lachte mit; aber meine Abneigung gegen all das übertriebene, schamlose und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. Und nur von diesem Menschen lernte ich die Apassionata spielen, nur er ließ mich solche Sonaten erleben, nur er schuf sie gleichsam noch einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur er hatte beides, den glühenden Anlauf und die vollendete Einsicht: und wenn er gar einmal zu phantasieren begann, so hörte ich, ja ich hörte die brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser zwiespältigen Seele, gemischt aus Feinheit und Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer dieser Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen Seele die Urform, die starke und noch wirre Grundweise dieser ›Sonate in tiefer Lage‹. Damals erkannte ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag trotz allem sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden – es kann vielleicht, für gewisse Menschen, noch schöner sein, ihn zu lieben …«
Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt mit ganz anderem Ton kalt, zu kalt:
»Habt ihr noch nicht genug davon?«
Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, wie man zu sagen pflegt; dunkel bewegt von dem, was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich sitze still und aufmerksam da, allzu steif vielleicht; akademisch, wie man das nennt. Klaus Manth räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend still. Ich versuche aus der raumlosen Ferne, in die ich geworfen bin, durch die Helle, hinter der ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der ein roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias Dasein anzeigen: Gewand, Gesicht und die Hände. Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren zu verbieten. Ich bin nicht unbeträchtlich erregt, ich fürchte mich vor den nächsten Minuten … klang ihre Stimme – ihre Mutter kennt sie nicht besser als ich – nicht tiefer und innerlichst bewegt, als täte sie sich Gewalt an, Härte und Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört … Ich kann mich irren, selbstverständlich. Ich bin imstande, das zu wünschen. Aber vielleicht hat sie ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung, die von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; geliebt auch nur für die halbe Stunde, als er das Gesicht und die Hände von den Tasten hob, an einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag Zorn, Erregung und Ausbruch einfach erzwungen sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn es gibt Liebe, die nur Stunden währt – und einiges Rätselhafte wäre gedeutet. Gleichgültiges wäre gedeutet. Und warum gerate ich denn außer mir? Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer halben Stunde Liebe? Du guter Gott – ich bin nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis ich gelegen komme, es zu empfangen. Nein, sondern: daß sie es bis heute verschwiegen hat, und daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, ohne dergleichen zu ahnen: das ist's! Ich habe gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und: du hörst es gleich – ich fürchte mich; ich fürchte mich …
»Habt ihr noch immer nicht genug davon? – An jenem selben Abende, weil er fühlte, wie wir uns heute näher waren als je (vielleicht hatte er's meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche etwas mit, ein seelisches Faktum, ein kleines Erlebnis, offenbarte mir's als wäre seine Seele taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang mit einem blonden Mädel und einem fallenden Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie halblaut und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas besinnt, sondern wie um die knappste Anordnung zu finden, die schlagendste Form, die unsere Neugier und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe erledigt – denn trotz jener Frage und allen Anteils erzählt sie zweifellos mit Lust am dargestellten Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl und ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die Tatsache ganz in uns zu beleben; und wie ich dies erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr zu trösten – »ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger Zeit hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, eine Hamburgerin, schlank und grauäugig, von der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn von Herzen gern, sagte er, und hing an ihm mit aller Glut, deren sie fähig war, nicht um seiner Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch nicht des Ruhmes wegen, denn er war damals noch ganz ungekannt, sondern um des Menschen willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, Liebliche. Er machte sie zu seiner Geliebten, diese Tochter eines kleinen Beamten und nichts als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen Grundsätze endlich über den Haufen geredet, ihre Neugierde endlich durch die Fremdartigkeit seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne durch seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig sein mit Wucht entfaltetes Anderssein als Bessersein empfand, weil sie selber arm und vereinsamt war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn und seine Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich nach, mit schüchterner Glut und einer stets keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal an sie gedacht, und er gab mir die Mittel dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer Liebe – er lieferte mir das Mädchen aus, vollständig, und betrunken von der holdesten Erinnerung.«
Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt, gut gekannt. Nicht wahr, zu Zeiten ist ein solches Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen gegenständlicher Vorstellungen ein kleines Glück … Wie manchen Abend habe ich bei den beiden verbracht und mich von Lisbeth verwöhnen lassen, in Oswalds großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern Beethovens Maske über ein gemietetes Klavier einsiedlerisch hinwegblickte … Wie hieß sie? Lisbeth – weiter fällt mir nichts ein … Sie hatte das sanfteste Lächeln … Ich sehe die Geste, mit der sie mir die geschälte Birne auf der Spitze des Messers bietet, über den Tisch hinüber … Sie schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter sich … Ah, Ohlsen heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal formte sich ein ungefähres O aus der gelblichgrünen Fruchthaut, und Oswald lachte bei ihrem Jubel: das ist dein O, nicht meins. – Und dies alles hat Claudia an sich herankommen lassen? Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag sie ihm zugehört haben? Und sie hatte nicht Schweigen geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände zittern immer noch … Bin ich denn vom Tee vergiftet? »Eines Tages kamen die Ferien ihrer Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in Hamburg; und als sie wiederkam, ergab sich unwiderleglich, daß ihre Briefe ihn mit Grund beunruhigt hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. Ja, sie hatte in der strengen und anständigen Luft der elterlichen Wohnung die Kraft gefunden, sich zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen; sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu machen und ohne ihn einen Augenblick weniger zu lieben) wohin er sie geführt hatte – auf einen Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie hatte unter argen Qualen gesehen, daß sie in ein ehrenfestes, solides, der Pflicht und den Sitten unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von sogenanntem Eigenleben durchschwärmte Luft der Künstler und Komödianten. Urteilt, wie verwirrt, unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr stehen mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete, wie er grimmig schalt und, als sie weinend bat, ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.«
Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling – sie hören allzueifrig, niemand achtet meiner, und das ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, unbemerkt … Ich muß sehr blaß aussehen … Wie oft, wie unausgesetzt hat Claudia über alles das nachgedacht!
»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er sie nicht einfach gehen ließ, in Anständigkeit hinein in ihren Frieden? Oh, er wußte ja, wo er sie zu fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, Sehnsucht und Liebesschmerz ebensoviele Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja so völlig – hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr ganzes einfaches Herz gegeben … Sie schrieb ihm Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß, er hat sie mir zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« – und sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend – »in denen sie ihm rührend tapfer auch Freundschaft abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer nicht sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, daß sie es sich noch nicht begreiflich machen konnte, wie man ohne ihn leben sollte … Aber der Kampf begann im letzten Ernste erst hier, in dieser gefährlichen und versucherischen Stadt, wohin sie die Verpflichtung und der Zwang der Dinge zurückführten. Sie weigerte ihm jeden Kuß, jede Liebkosung, ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie dachte, sie könnte mir so entwischen, einfach wie einem Jungen,‹ sagte er und lachte; denn er konnte ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen ihren Gewohnheiten und Pflichten vertraut war – und das tat er: und als sie seine Verzweiflung sah, vermochte sie nicht, es zum Äußersten kommen zu lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen des Großen Gartens; und oft hat sich mir während seiner Erzählungen die Einbildung aufgeprägt, als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar anwesend und wüßte: der Abend zwischen den Baumreihen und in den kleinen Gehölzen hallt wider von der unbedacht lauten Leidenschaft seiner Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme Wind trägt wehend ihre sanfte Stimme, mit der sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe verleugnet, und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen beider. Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, sehr entsagend und sehr sehnsüchtig, das war bald gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht eine Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend angenommen hatte. Eine Ehe ohne Mittel, mit einem ganz unbekannten Maler – denn das alles begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln saß, noch gar keinen Schatten warf, sich schwer und spärlich ernährte – sie war viel zu vernünftig, nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie auch vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie doch auch nur ein Mädchen und jung. Und wenn er auch kein Ende fand des bitteren und höhnischen Staunens darüber, daß die Vergangenheit über eine Frau keine Gewalt habe, und vorhanden sein könne wie ein gleichgültiges Ding, das die Seele nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht aufrechtstehen könnte unter solcher Last des Erinnerns – sie hat, wie die Folge zeigte, die niederziehende Kraft des Erlebthabens dennoch stets gespürt, und die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und Liebe widerstand, schien mir bewundernswert – und scheint mir heute noch bewundernswert.«