Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, dadurch, daß sie nach ihnen schweigt, innehält, ich weiß nicht warum, und nach ihrem Haar langt, als hätten sich dort Nadeln gelockert … In mir, – gebe ich mich wieder einmal zu viel mit mir ab? – ist diese ganze Weile erfüllt von ätzend hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt, mir schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, daß Claudia Eggeling sich verbündet und eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage vor dieser Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden Wirklichkeit – und dieses Mädchen, das sich ohne Ehe hingibt! Auf nur eine Weise kann sie zu Oswald Saachs Geliebten einen Zugang finden: und so albern bin ich, daß mir vor diesem Wissen schaudert. Erkläre, daß sie bisher davon geschwiegen hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen einer Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, mein Sohn. Schwer, nicht wahr? Oh ja. – Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen ist … (sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher sollte er sie wissen? er kannte Oswald damals nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten … Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! Vielleicht ist diese ganze Qual verfrüht, sinnlos! vielleicht erklärt das Ende alles … und Ruhe, Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten darf … Du darfst gut bitten, mein Alter.

Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie setzt mehrfach an, schluckt, verbessert sich: ihre Stimme hat etwas wie Schwingen verloren, und vorher hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. »Ich habe das Wichtigste vergessen – warum zwingt ihr mich auch, eine alte Historie heraufzuholen! Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß Oswald Saach sich in gewissem Sinne abhängig fühlte von unbekannten Gewalten? … Habt ihr je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch war?«

Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. Wie an einer Schnur von Gummi schnellt sie mich heute durch alle Gefühle, auf und ab … Sie findet Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet den Aberglauben … Und was soll das jetzt, und hier? In mir atmet etwas auf: Unseresgleichen kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen nach Vollkommenheit folgen, das andere zu Heiligen macht oder zu Künstlern. Da meldet sich Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die Tochter sprach, hat sie das rückwärts gelehnte Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; jetzt führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn es gibt oben nichts zu prüfen, das schwarzgestielte Glas an die Augen, um es sofort wieder in seine Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und sagt, ohne sich sonst zu rühren:

»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst …« mit einer Stimme, die sie schweben läßt. Sirmisch sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch das Wort, bitte.«

Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und her (quälen sie dich, Liebling? Einen Augenblick ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen). »Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere sich am Freitag zu reisen, ein Haus Nummer sieben zu beziehen, zu dreizehn bei Tische zu sitzen; oder daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern für ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen und Außen des Menschen und seiner Geschicke wie eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle, Ahnungen, unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er hat mir oft entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt oder fähig sei, all das durch Betrachtung zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit er nicht mehr an die Hölle glaube, mit der die Kirche seine Jugendjahre verstört und verängstigt hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen ihm gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle sein einziger Glaube, und er danke für sogenannte Philosophie und allen Skeptizismus und wolle ein Musiker bleiben.«

»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet Klaus Manth von seinem Sessel her. Er hat sich aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des Herzens ist das feine Singen der metallenen Federn in seinem Sessel unendlich fesselnder als alle Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, die hell und scharf zu denken gewohnt ist, ja diese Helligkeit nach Art der Frau überschätzt – hat sie sie doch eben erst gewonnen; – und sie nun von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie selig, wie übermütig, wie glücklich macht diese drollige Ursache – sie kitzelt mich süß in der Brust, ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, was Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer Mensch?« Mag sie dem Freunde vorwerfen, was sie wolle … je ungerechter sie ihn schilt, um so froher darf ich sein. Ich glaube ja kein Wort von Oswalds »Aberglauben« …

»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! Ich habe ihm das Ganze damals analysiert und ausgesprochen, denn wir waren in dauernder Zwietracht darüber – wissen Sie, was Sie tun? fragte ich, und ich war vielleicht sehr ungeduldig dabei – am Ende und im Grunde suchen Sie nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, die Ihnen Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, Abneigungen und Handlungen stärken sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; Sie suchen Prophezeiungen. Er war erheiternd überrascht, verwirrt, er war darauf nie verfallen; er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht auf, darüber zu spotten, nach dem Dilettanten von Bayreuth alles öffentliche Unheil den Juden zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder Einäugigen, der ihm etwa begegnet war; er gelobte weiter – für sich, nicht bei einem Heiligen – bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit eine Arbeit glücke, schrieb den guten Ausgang dem Gelübde zu und hielt peinlich auf Erfüllung; er befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf sonstige Art orakelnd warf – ob er je zu einer Wahrsagerin schlich, weiß ich nicht, doch scheint es mir sehr möglich – und so glaubte er mit besonderer Neigung an die wunscherfüllende Magie fallender Sterne.«

Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; nebenbei aber ist sie mir ganz rätselhaft geworden. Verwirrung umdrängt mich wie ein gläsernes Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt es mir, innen kalt und still zu bleiben und nicht angstvoll und atemlos um mich kämpfend die Herrschaft zu verlieren über diese furchtbare und wichtige Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie das! Ich habe Oswalds Neigung, mit der Zukunft ratend zu spielen, immer als harmlos belächelt; sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie kann als Schülerin einfach ihren Lehrer ausgespäht haben; oder ihre Worte können gehässig sein aus Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches Bild trübt – und (jäh befällt mich neuer Schrecken) wiederum aus Neigung für ihn, den sie gerne makellos sähe … Ja, ich bin ins Netz geraten und gefangen außerhalb der Zeit. Ich altere in diesem Netz; durch seine Maschen stürzt das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor zwei Stunden ihre ersten Worte gesprochen.