»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, und Sirmisch prüft langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges nicht allzu leicht hell? Sie leugnen das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. Ich finde, das alles wurzelt tiefer und vielfältiger in der Seele …«

»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange bekannte Größen ausreichen um die Aufgabe zu lösen, Unbekannte einzusetzen – das ist alles. Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft der Zahl x aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte zu verweigern. Genug, genug: Saach war abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens hat Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. Fühle dich nur nicht veranlaßt, jetzt noch zu fechten …«

Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne mich, ob mir ein solcher Zustand fiebernder Erregtheit dieses Mädchens jemals vorstellbar gewesen. Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott? Ich versinke immer tiefer in ein Staunen, das eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von einer Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man soweit, endlich! Nun hört noch den Schluß, und dann nur noch Musik: an einem der Tage, an denen Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, holt er sie ab, und bald sind sie im Großen Garten; denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, streng aufrecht, während er doch geglaubt hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles umwerfen, was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. Ich sehe sie, ja ich sehe sie unaussprechlich deutlich vor meinen geschlossenen Augen, als wär' ich je und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern und bald im Dunkeln durch laubige Wege, über denen der Himmel immer tiefer blaut, den die ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach hat wie stets den breiten Hut unordentlich auf die Haare gedrückt, und der leichte Wind faltet im Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr großer Hut aus hellem Stroh wird vom Winde gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; und doch ist sie die Stärkere. Ihre Gesichter sind beide bleich, sie sehen einander nicht an; sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, des Tons der geliebten Stimme, des Schimmers ihrer Augen und der Berührung ihrer Hände, die er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem wegzuschleudern – aber schmerzvoll durchpulst von der Fremdheit, die sie in sich entdeckt haben, erschüttert von der Ungemeinsamkeit, die sich ihrer bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich zu lieben wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon nicht mehr zu lieben wie sie es erzwingen will. Ihm werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche von Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende und verwirrte Reden überwältigen ihn, die schneidende Verzweiflung macht ihn toll. Sie weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die Augen führt, ist kaum weißer als ihr Gesicht. Das Leid des Geliebten und ihr eigenes läßt sie weinen; sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. Er ist noch immer nicht im mindesten bereit, den ruhigen und reinen Gefühlen nachzugeben, um die sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre Unterwerfung, Rückkehr und Bekenntnis zur Vergangenheit. Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie ist bemüht, das Haar zu ordnen, das sich im Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr ins Gesicht, Nadeln sind verloren worden. Sie gehen den See entlang. Er muß in dieser Stunde der eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel daliegen, ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort von feinen Schimmern zitternd und von unsichtbaren Vögeln oder einem jagenden Fisch aufgeregt. Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit oder ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, nicht einmal ein Wind zischt in den Wipfeln, und ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe Mond. Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen Kampfes zweier Liebenden, löst sich ein Stern aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam in einer lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich, ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker gewahrt ihn sogleich, und ohne Zögern wird in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; ein Wort, das einen brennenden Wunsch bedeutet, zu dessen Erfüllung der fallende Stern ein gnädiges Wahrzeichen sei – und wie heißt die allgegenwärtige Begier des Mannes, der soeben dagegen kämpft, daß ihm der erste Mensch entgleitet, der ihn um seiner selbst willen liebt? Ruhm! rief es in Oswald Saach.«

Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer über unsere Köpfe hin, fast mit einer Geste, und schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck in mir gespürt, ich leugne nicht, und Alexander Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel erhoben, ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und beginnt, zu leisem Klirren des Teetisches auf dem Teppich hin und her zu gehen. Man spricht nicht; jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten Worte, die das Ganze verursacht haben. Ich für meine Person bin noch kurze Weile mit meiner eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine Unruhe, die auf eine zusammenfassende Überlegung hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel von sich gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. Welches Vertrauen muß er für sie empfunden haben – und wie wenig kannte er sie! Er hat dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während er erzählt, wie sie sich verschließt, innerlich abwendet, peinlich betroffen, ratlos und verstört … Ich bedauere Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas in mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, völlig, übermäßig gut das für mich ist … Nein nein, das besteht nicht, was ich befürchtet habe, meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele Claudia zu, als sie ganz bleich ins Licht des Tisches tritt, um ihre kleine kalte Teetasse leer zu trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen Erregung: ein Erlebnis hat darin gehaust, die Augen umschattet, den Mund bitter gebogen und schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien gehöhlt! Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt an; ich tue nichts als es abtasten mit meinen Augen. Das also ist Claudia – auch das. Die Hand zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch bleibt vor ihr stehen, er hat sich von dem Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern befreit und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: »Sie stiften also eine Verbindung zwischen jenem betend und dem späteren Geschick, eine Art Schicksalswahl? Wie kühn, wie unbedenklich … sind Sie auch abergläubisch, Claudia, wie?«

»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich sage nur das: ihm geschah, was er selber wählte. Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab, begehrte er am heißesten den Ruhm –«

»Er war ein Künstler, Claudia!« – »Vortrefflich. Nur verriet er dabei zwei Seelen, die seine und die einer Liebenden; denn er fing das Mädchen hernach doch wieder ein. Schmäht also eine Frau nicht, die ihm mißtraute und neben ihm kalt blieb. Kann einer, dem es damals mit der Liebe so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und schaffen? nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht reizen sollen und alles wäre verschwiegen geblieben, oder ein andermal zu Worten gekommen, versöhnlicher, gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« Mir fällt wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene mein Freund war … war.

»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten – Fräulein Claudia, Sie erzählen Märchen.«

Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke und macht sich daran, die Kerzen des Flügels und an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der Lichter Farbe, Wärme und Leben bekommt. Ich werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. Ich liebe dich, Liebste, aber ich weiß nicht, wer du bist. Werde ich es einst wissen? Und ist das dieses Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte Mutter vom Divan her bedeutsam sagen:

»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach ein Mädchen ein anderes, verratenes, verteidigt?«

Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch: