»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen Sie mich heute, Klara. Sie wissen doch Bescheid …«

Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig abweisend aus dem weiten Sessel vom Fenster her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte den aufgestützten Kopf wieder dem Fenster zu, vor dem reichliche Flocken einen graugetupften Vorhang unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend. Manchmal warf ein Wind Falten hinein, aber seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich fiel der kalte Vorhang, schräg tanzend und weiß.

Das Andere, Frühere würde also fortgehen? Unfaßbar. Und dennoch, mußten die Freunde ihrer Tochter nicht wie immer kommen, Sirmisch heute abend, andere ein andermal? Man würde wie sonst vor einem blinkenden Tische sitzen und freundlich miteinander speisen – um zwei vermindert zwar, ein wenig stiller vielleicht, und mit einem neuen Gesprächsstoff versehen: man würde lächelnd von den beiden Abgereisten sprechen, von den Glücklichen, den eben Vermählten … Unfaßbar – und schwer erträglich … Sie stand auf und hob an, einen Weg durch alle ihre Räume zu wandern, diesen, den sie heute schon – wie oft – gegangen war: vom Wohnzimmer in das grüne Speisezimmer, durch die dichten Schiebtüren ins Musikzimmer; dort kehrte sie um, zurück und weiter ohne Halt in den Empfangsraum und weiter durch das kleine Boudoir ins Schlafzimmer, und wieder zurück … Sie ließ alle Türen offenstehen, sie ging mit leisen Tritten von einem Teppich auf den anderen, die Möbel schütterten kaum, so leicht war der Gang der einsamen alten Frau; nur die großen Holzperlen der Kette, an der das Lorgnon hing, klapperten mit leisem Knattern, und der Saum des Kleides wehte schwach hinter ihr her wie ein hörbarer Schatten. Was sollte sie tun, großer Gott, damit diese entsetzliche Öde um sie wich? Die lange Wohnung lag leer und schweigend vor ihr. Sie kam von warmen Räumen in solche voll kalter Luft, und trat in andere, die ihr danach lau zu atmen waren, weil ja in den heute ungeheizten Öfen noch gestern Flammen flatterten. Aber alle, die hellen und die dunkelwandigen, die kostbaren und die täglich bewohnten drohten stumm und leer, leer. Es war etwas aus ihnen herausgeschnitten, sie standen da wie hohle Gehäuse, deren Wände noch glänzen auch wenn die Muschel gestorben, die sie belebte, sie klafften tot, schienen kahl und geweitet und seelenlos: denn Claudia hatte sie verlassen und würde sie lange nicht mehr mit dem Klange ihrer Stimme beleben, Claudia, die sich von dem fremden Manne hatte wegführen lassen – Claudia Eggeling, die aufgehört hatte, zu sein …

»Claudia Rohme.« Die Mutter sprach den Namen laut in die Dämmerung des Musikzimmers hinein. War das ihre Tochter? Sie senkte zitternd den Scheitel, sie mußte sich besinnen. Ihre Nerven schienen ihr heiß und ganz ermüdet, ihr Körper leicht, irgendwie schwebend und geschwächt vom Weinen, ihr Denken aber sonderbar verlangsamt und maßlos abgelenkt. Laß sehen: Doktor Walter Rohme … ja, ja … als sie das Kind nicht aus den Armen hatte lassen mögen, in Tränen, die vor Scham noch brennender flossen – was hatte er da doch … Tröstendes gesagt? »Sie haben doch jetzt einen Sohn, ein Kind mehr, Mama!« Dieser gelehrte Narr! Er sollte sie nicht Mutter nennen! Da hatte sie nun einen Sohn … Sie blickte zu Boden. Das schwärzliche Blau des Teppichs ließ den Sammet ihres Kleides blasser erscheinen, ein grauer Silberhauch lag auf seinem rötlichen Violett … kränklich sah das aus … sie strich mit den Fingerspitzen über den zarten Stoff. Welker Flieder, behaucht von Spinnweben … wie drollig der junge Sirmisch verglich und spaßte; und wie war doch der Name des Teppichs? Sie wollte sich darauf besinnen, es war ein Abweg, ein neuer Gedanke und der nicht schmerzte: von Sommer ging's, von blauem Himmel – nein, »Teppich des schwarzen Himmels« (was sollte ihr nur der Firlefanz?), »blau wie der Himmel, der sich im Ebenholz des Flügels spiegelt« – dieses Flügels schwarz glänzende Decke, die Claudia so oft aufgestellt hatte, wie eine Schwinge zum Fluge in eine tönende Ferne … Ihre Claudia! und der Abweg mündete mit unvermuteter Wendung in die schlimme Straße dieses Tages, die durch alle Zimmer führte, über alle Teppiche und durch alle offenen Türen … Und Eva Eggeling beschritt sie gebeugt und ratlos und mit rechts und links irrenden Augen. »Großer Gott,« sagte sie, »großer Gott« …

Sie stutzte, stockte, ward langsam aufmerksam: was sagte sie da? Man ging sonst an diesem Worte vorüber wie an jedem anderen, brauchte es ohne Hinsehen; heute, in dem sonderbaren Fieber, das ihr allerlei gewohnte Dinge entrückte, besah sie es wie einen neuen Gegenstand … welch fremdartiges Wort, Gott! Sie wiederholte: Gott … und es schien ihr nur noch Klang ohne Sinn. Es gab viele Menschen, die, wie ihre Mädchen, bei diesem sonst so plausiblen Worte erschauerten und sich beugten; und Trost von ihm holten, wenn sie alle ihre Sorgen vor ihn hingebreitet hatten – vor ihn, denn ein männliches Wesen stand für jene hinter dem Wort, alt, stark und gütig. Dann war ihnen leicht und frei zu Mute, und sie gingen mit erhobenem Nacken von dem himmlischen Vater. – Welch ein Unsinn, »Himmel«. Sehr seltsam – wie doch diese gut daran waren! Ihr war das nicht gegeben; nein, nein, nicht erst darnach fragen, das ist sinnlose Komödie. Ihr Vater, die Luft von Haus und Schule, nachher die Gesellschaft, ihr Gatte hatte einmütig dafür gesorgt, daß ihr nun, wo sie darauf blickte, die Existenz solcher Menschen rätselhaft unverständlich war, die für Gott und Jenseits irgendwelchen Sinn, ein Gefühl, eine dumpf glühende Hingabe mitbrachten. Mußte man nicht darüber den Kopf schütteln? Sie, gewiß, hatte an der Stelle dieser Erlebnisse einen stumpfen schwarzen Fleck. Sie hatte ihn nie gefühlt; heute bemerkte sie ihn, und ein vages trauriges Brennen stellte sich ein. Man hatte etwas in ihr erstickt und nichts dafür aufgebaut … Sie war aufgeklärt. Niemals hatte sie gefunden, daß sie damit ärmer sei als andere, im Gegenteil. Aber dennoch – heute spürte sie etwas in sich … wie leicht hatten es die anderen … man sollte den Menschen nicht noch schwächer machen …

Die große Uhr des Speisezimmers nannte mit sanft singenden Tönen die vierte Stunde. Dämmerung begann zu werden, Neujahr war kaum vorüber. Kam Sirmisch früh, so kam er um halb sieben – und sie erschrak vor den vielen Minuten, die folternd, langsam und regelmäßig auf ihre Stirn tropfen sollten. Aber das konnte niemand ertragen! Es mußte eine Ablenkung geben, irgendeine Beschäftigung, die festhielt, erleichterte, tröstete. War sie so allein gelassen? Was sollte sie tun? Schlafen – aber es wäre Spott gewesen, auf den Schlaf zu warten … er kam nicht, nicht einmal des Nachts, er überließ das Dunkel unaufhörlichen Qualen, halb Bilder und halb Reden, innen gesehen und gehört zu gleicher Zeit und doch weder ganz sichtbar noch ganz vernehmlich, und die alle einen Sinn hatten … Was sollte sie tun? In eine Sofaecke wie in eine Zuflucht geschmiegt blickte sie mit weiten leeren Augen in die dunkelnde Luft des Raumes. Das Kind war ja gegangen, unwiderruflich fern und auf immer. Wenn sie nur schreien könnte, sich zu Boden werfen, in die Ecke des Teppichs beißen – wenn sie nur noch weinen könnte! Ihr Inneres zitterte wund, brennend und verschlossen. Erkranken und sterben – ja, sterben, das verhieß Erlösung. Sie wollte nicht mehr leben: wie denn? mit wem, für wen? Niemand ertrug, allein weiter zu leben, herumzugehen, dies und das zu tun – Jämmerlichkeit und Ekel insgesamt. Mit niemand mehr sprechen wie sie miteinander sprachen; niemals mehr spüren wie glücklich es machte, Bewegung und Lächeln dieses Mädchens, dieses wundervollen Kindes auch nur zu sehen, ihre fragenden Augen, ihren spottenden Mund! Sie nicht mehr besitzen, ihre Ausdrücke und Gedanken und ihr ganzes reines Fühlen … Und wenn sie wiederkam? Höhnisch dachte sie: ach nein. Sie wollte nicht teilen müssen. Sie wollte sich nicht mit einem Eckchen begnügen, wo sie vorher alles innehatte, allein. Sie wollte, sie konnte nicht mit ansehen, daß nun der fremde Mensch ihre Tochter besaß – und wie besaß! daß er nun in ihr lebte und sie in ihm! Nicht daran denken, vergessen; still, verdecken, ersticken, mit Vorhängen und Mauern … Was sollte sie tun? Ach, sie hatte alles getan!

Von glänzenden Konsolen und aus gläsern verschlossenen Schränken hatte sie köstliche Gefäße gehoben, vormittags, nancyer Vasen in rauchigen Tinten, die sich vor dem Licht belebten, holländische, dänische, und Krüge aus China, auf denen Stieglitze durch rosenzartes Gezweig von Apfelblüten schlüpften, erlesenes Gut – und hatte sie wieder fortgestellt, nach teilnahmslosem Betrachten. Die Mappen mit ihren liebsten Holzschnitten waren aufgeblättert und eilig wieder geschlossen worden – denn die Apokalypse stieß sie heute ab, das Marienleben widerte sie heute an: hatten diese sinnlos wütenden Figuren, diese albernen Tiere mit vielen lächerlichen Köpfen, diese bieder platten Wochenstuben und Klageweiber sie wirklich früher zu ehrfürchtigem Genusse entzücken können? Man mußte hinnehmen, daß es dieselben Blätter geblieben seien, die sie von jeher liebte, und später vermutlich wieder lieben würde. Aber heute, heute starrten sie allesamt wie gestorben, ohne Kraft, Sinn und Wert, heute wo man ihnen inbrünstig gedankt hätte für eine winzige Viertelstunde Bezauberung, Vergessens und der Erlösung. Und ebenso ungeduldig vor Qual hatte sie alle ihre liebsten Dichtungen wieder fortlegen müssen, Bettinens Briefe, den Nachsommer, die Seldwyler und den Divan, nach kurzem Blättern; nichts war stark und beseelt genug, ihr heute Gesichte zu spenden und aufgebaute Wirklichkeit, an der sie sich aufrichten konnte, abseits von dem Grauen des ganz Verlassenseins. Da saß sie nun, vorgeneigt, und ballte die blasse Damenhand auf der Lehne des Sofas zu einer ohnmächtigen Faust: Haß krümmte ihre Finger. Sie haßte jetzt alle diese Werke, die ihr lange Liebe so übel vergalten … Sie stand hastig auf, entfloh, begann zum dritten Male die Wanderung, mit einem Stöhnen, das ihrem Jammer einen schauerlich sanften Ausdruck gab: »Großer Gott«. Aber das blieb nur ein Laut, kein Wort, in ihrem Innern antwortete nichts auf solche Anrufung.

Vor den Fenstern flog blaue Dämmerung heran. Die Scheiben standen als mehrfarbene Vierecke durchsichtig in den finsteren Mauern der unerleuchteten Zimmer, durch die eine Fiebernde schritt, reich gekleidet, mit rötlich erhitzten Wangen, das vorher wohlfrisierte graue Haar aus der Ordnung gebracht und mit brennenden Augen, die schwere Lider halb verdeckten und die sich gerne ganz schlossen. Ihr Kopf tat weh vom Denken – oder war das hinter ihrer Stirn, beides, der pulsende Schmerz und der immer gleitende Gedanke, nur Anzeichen für etwas drittes? Unaufhörlich wurden da innen Worte geflüstert und zugleich als stechender Druck gefühlt … Das war die Kunst, ihr Trost und ihre Macht … Übte sie sie nur auf Gleichmütige aus, auf Glückliche, deren Seelen nicht jammerten unter der Kante einer Last? Wozu war sie dann nütze, sie, an die sie so viel Liebe gewendet hatte, all diese Jahre hindurch? Oder war vielleicht in ihr ein Mangel auch hier? Es sollte Menschen geben, die sich, wenn das Liebste von ihrer Seite und Seele gerissen wurde, in ein Meisterwerk einschließen konnten wie in eine eisige Grotte, deren Wände kristallen schimmerten. Vielleicht zerfiel nur ihr jedes Werk in Trümmer, und es war Unrecht, die Kunst zu schelten. Vielleicht war ihr Geist zu alt geworden, um noch den Künsten zu erliegen, so gerne er mit ihnen spielte. Jungen Menschen mochten sie immerhin die Adern wieder mit Hoffnung füllen; vielleicht auch solchen, die irgendwie tätig, schaffend an ihr teilhatten. War's nicht Sirmisch, der einmal erzählte, daß in der bestimmten gefährlichen Zeit der Vierundzwanzig, wo die Angst des Verzweifelnden und eigener Talentlosigkeit Gewissen ihm Tage und Nächte furchtbar vergiftete, nur die Begier, Musik und immer mehr Musik zu hören, ihm das Leben behaltenswert machte? Und gab es nicht in Claudias Kindheit einen ganzen Monat, der erfüllt war vom leidenschaftlichen Gram um die Entfernung eines geliebten Knaben? Damals saß die Dreizehnjährige Nachmittag um Nachmittag an ihrem braunen Klavier, bewegte das Pedal mit den ungelenken Füßen, die lang aus kurzen Kleidern kamen, und ließ mit heißen Augen, brennenden Wangen und von Leidenschaft gelösten Zöpfen durch das Haus tönen, fehlerhaft, unrein und voll maßlosem Pathos, was ihr von Beethovens Wildheit, von Bachs Herbheit damals zugänglich war. Sie sah sie greifbar vor sich, den Kopf zurückgeworfen und wieder vornüber gebeugt, den breiten roten Mund halb offen und Tränen in den Augen … Ja, damals war ihr Musik vertrauter als die Mutter, vor der sie verstummte und der sie scheu auswich, mit gesenktem Blicke; bis freilich eines Abends, als das Kind nicht einschlief, die Mutter sich zu ihm auf den Rand des Bettes setzte und ohne ein Wort ihm die Stirn und das glühende Gesicht liebkoste, mit glühenden sanften Händen – und wartete, worauf aus dem Mädchen ein Schluchzen brach und mit Stößen von Tränen all ihr Jammer sich an der mütterlichen Schulter ausschüttete … Jene Nachtstunde, wie war sie eingehüllt in Glück!

Sie stand jäh, an den Türrahmen gelehnt, tief überrascht: wie? Hatte sie nicht auf Augenblicke vergessen, daß das Kind von ihr gegangen war? Hatte sie es nicht eben noch an ihrer Brust gefühlt? Sich erinnern war also keine Qual, sondern ein sanftes Vergessen! Torheit also, von abseitigen Dingen Vergessenheit ablesen zu wollen, mit Linien und Druckzeilen – sie strömte vielmehr wie ein wohltätiges Gas aus jeder kleinen Tatsache, die ihr die Tochter als Kind, als Mädchen, gleichviel ob spielend oder trauernd wiedergab! Sie atmete tief auf, ein Gespanntes löste sich in ihr, und die Lippen, bisher fest verschlossen, gingen ein wenig auseinander. Sie führte ihre Hand mehrmals über die Stirn bis in den Augenwinkel und blickte in das Wohnzimmer, das nur die Dämmerung für die verwöhnten Augen mit finsterem Blau erhellte. Sie staunte: alle Türen standen offen und die unverhängten Fenster sogen Dunkel und Kälte herein. Ihren Augen nicht wehe zu tun, wandte sie dem Zimmer den Rücken und drehte, auf der Schwelle stehend, den kleinen Schalter: hinter ihr schlug das Licht allgegenwärtig an Wände und Decke. Man muß sich also erinnern, dachte sie dringlich; schnell und tief in Gedanken tauchen. Von dieser Erleuchtung ging Wärme aus, Trost, atembar leichte Luft – beruhige dich! und sie ging mit aufrechteren Schritten durch die Wohnung, schloß überall die Türen, so daß der helle Raum abgesondert, vollkommen und heimlich wurde, und ließ die Vorhänge vor die beiden Fenster fallen. Wie rief sie am eiligsten Erinnerung herauf? Briefe? Mutter und Tochter pflegten sich selten zu trennen, es waren wenige da. Sollte sie die Kleider herausnehmen, eins nach dem anderen, die in den Schränken hängen geblieben waren, und dabei die Zeit wieder herstellen, Tag um Tag, in der sie von Claudia belebt und ausgefüllt wurden? Nein; weder die letzten noch die frühsten dieser schönen Hüllen waren ihr zuhanden, die einen hatte man mitgenommen, die anderen waren alle verschenkt … Aber das Album war hiergeblieben, voll von Photographien, das alte Album, das niemand beachtete! Claudias Bildnisse würden alles erzählen, würden die Entfernte gegenwärtig machen; in allen Gestalten mußte sie sogleich durchs Zimmer schreiten – wo, wo war das zauberische Buch?

Sie eilte zum Bücherschrank und brachte es herbei, mit beiden Händen faßte sie den mächtigen Band, dessen Decken aus erhaben gepreßtem Leder sich in die Haut eindrückten, und dessen goldgeschnittene Blätter aus dickem Karton von einer breiten gravierten Silberschließe zusammengehalten wurden; sie trug ihn wie eine Trophäe vor sich her, irgendwie triumphierend über den Feind: die Qual. Sie öffnete so dringlich, daß sie sich an der Schließe fast verletzte, und wandte hastig die ersten Seiten um, voller ganz alter Photographien. Alsbald stieg ein Dunst von Erinnerungen auf und schwebte im Zimmer wie fremdartiger Duft; sie sog ihn ein, indem ihre Augen diese toten Bildchen wahrnahmen, und es war ihr, als würde sie selbst auf ungewisse Art vag und mehr in Vergangenheit lebend als in dieser gegenwärtigen Stunde … Da schrak sie auf und fühlte sich wieder besonnen: wo fand sie Claudia? Man mußte das Buch von rückwärts durchblättern, mußte die letzten Seiten zuerst durchsuchen und so langsam in das Gewesene hineinschreiten, wie jemand zögernd den Weg zurückgeht, den er mühselig kam. Welches war das neueste Bild? Es hatte keines der üblichen Brautstandbilder gegeben, wie auch keine Hochzeitfeier voll bürgerlicher Üppigkeit veranstaltet worden war – niemandem lag daran außer Walters Eltern, die ihrer kleinbürgerlichen Verwandtschaft gar zu gern die vornehme Braut des Sohnes vorgewiesen hätten – somit war das letzte vor dreiviertel Jahren gemacht worden, für die alten Rohmes, Claudia die Dame darstellend, in großem Hute und dem schlanken Kostüm der Straße. Ein schönes verschlossenes Mädchengesicht sah unter dem Hutrand hervor, die Lippen lagen abweisend aufeinander und die Augen richteten sich gleichmütig auf den Beschauer. Das war Fräulein Eggeling, ein wohlerzogenes Mädchen – das nächste aber enthüllte Claudia. Es war keine gewöhnliche Photographie, nicht nach dem Leben abgenommen, sondern nach dem großen Bild, das Klaus Manth gemalt hatte. War das ihre Tochter? und dennoch war sie es, die im Profil am Flügel saß, leicht nach vorne geneigt, die Hände noch auf den Tasten. Das geschlossene Instrument zog eine gerade, schwarz glänzende Fläche bis an den Rand des Gemäldes, und hinter dem Kopfe des Mädchens öffnete sich das Fenster, licht und weit; sie glaubte das sonnige Blau des Herbsthimmels mit weißen Wolken farbig zu sehen. Aber der Kopf war seitwärts gewendet, aus dem Bilde heraus, und zwei übergroße Augen sprachen den Betrachtenden erschüttert an, über einem empfindlich fest geschlossenen Munde, der schmalen Beugung der Nase und dem dunkel über die Ohren gelegten Haar. Der Hinterkopf ließ in seiner Verkürzung eine makellose Form erraten. Claudias Schönheit, banal betrachtet, ging aus diesem Bilde nicht hervor, aber … anderes redete um so deutlicher. Mein Kind, flüsterte sie, du mein Kind … »Sind Sie's, Fräulein Claudia?« hatte der Maler gefragt, als sie das fertige Werk zu vieren betrachteten. »Ja, Herr Manth, ich bin's. Sie werden das nicht ausstellen, nicht wahr? Ich möchte nämlich nicht, daß die Leute das sehen.« Da hatte er gelacht und gesagt, es sei eigentlich schade darum, denn ein besseres Frauenbild habe er nie gemacht. Aber wenn sie nicht wolle … »Nein, offen heraus, es wäre mir sehr peinlich. Lassen Sie's bei sich hängen und verschweigen Sie meinen Namen. Ich bin zu eitel für Öffentlichkeit. Später einmal, wenn ich alt bin; aber nicht bald, wie?« Und die Angelegenheit war erledigt.