Die Tennisbilder … sie lehnte sich zurück, sie lächelte geschlossenen Auges – das tat wohl … Heißer Junihauch weht sie an; Turniertag im Klub; gute Gesellschaft lacht und plaudert unendlich sympathisch um sie her … Schlanke Jugend, weißgekleidet, vor brennend blauer Luft. Helle Quadrate auf rotgewalztem Boden, der glüht; springend weiße Bälle, jeder mit seinem bläulichen Schatten. Sie legt den Arm aufs Geländer der Tribüne, ihr Sonnenschirm macht das Licht grün; an den weißen Straußenfedern des Hutes zerrt der heiße Wind. Frau von Kaldern wendet ihr das fröhliche Gesicht zu und begeistert sich an Claudias Erfolgen. Wie sie stolz war, und wie gelassen sie das verheimlichen konnte – ein kitzelnder Spaß außerdem. Erhitzte Spieler, rotgesichtig, in weißen Flauschmänteln, seidne Tücher am Hals, neigen ihr Haar dem Wind entgegen und kommen sich ausruhen; Claudia dabei, Breithoff, Kaldern. Englische Rufe fliegen mit den Bällen durch die ritternde Luft: neue Spieler; und die Schiedsrichter hocken huhngleich oben auf gelben Gestellen. Claudia lehnt ganz erhitzt außen an der Tribüne und raucht eine Zigarette, die Hände in den Manteltaschen; sie macht die Burschikose sehr anmutig; Breithoff, der Gegner, spricht achtungsvoll zu ihr. Sie wendet sich mit Neckerei an Doktor Rohme, der halb hinter Frau Eggeling sitzt und bisher ganz stumm dreinsah, und er antwortet etwas Überlegtes, mit anfangs unfreier Stimme …
Sie neigte sich zu den Bildern und sah lange zu ihnen hinab. Wie das alles auflebte, farbig und voll sprechender Gebärden, anläßlich dieser fünf, sechs Bildchen! Es waren Momentbilder von Claudias Endspiel gegen Assessor Breithoff, behend erhaschte Stellungen voll letzten Ausdruckes und einer schrankenlosen Hingegebenheit an das spielende Ringen der Techniken. Hier schoß sie schräg aufwärts, den Ball von oben niederzuschlagen, gerade gestreckt von der Fußspitze bis zum Rakett wie ein Wasserstrahl; hier duckte sie sich nahe dem Boden, den Arm mit dem Schläger stracks rückwärts geschleudert, den Kopf seitwärts gedreht, so weit, daß man erschrak; auf diesem hier, wo vermutlich ein Ball von links zu nehmen war, spannte sich der Körper elastisch wie ein gedrehtes Seil: denn die rechte Schulter fuhr nach der bedrohten Seite herum – backhand? dann war Claudia dafür berühmt – auf einem vierten verkroch sie sich ganz hinter dem mit beiden Händen gefaßten Schläger, nichts als Erwartung des Balles; und hier schwebte sie ganz in der Luft, dicht am Netz, ein Bein gerade, eins im Winkel und den Kopf in den Nacken geworfen, bacchantisch und zugleich zweckvoll … Das war jener ziemlich applaudierte Schlag, der den Ball in die linke Ecke des Platzes sandte, während Breithoff ihn rechts erwartete, Claudia gewann vielleicht das Spiel, und ging damit als Erste aus dem Turnier … Doch in den letzten Runden spielte Breithoff – und siegte. Trotzdem war Claudia überaus heiter, und mit Grund, als sie im Auto saßen, um, Mutter, Tochter und Doktor Rohme, nach Hause zu fahren; und dann geschah das kurze eigentümliche Gespräch während des Fahrens … sie würde es nicht vergessen. Wie begann es doch? so, nicht wahr: Claudia gestand, sie habe mittendrin den Assessor gehaßt, aber wirklich gehaßt; darauf Rohme, er verstehe das, solche Spiele barbarisierten nämlich immer. Barbarisierten, sagte er zu der Siegerin. Sie fand das nicht sehr geschickt, wollte mildern und ihm einen Rückzug machen; aber er ging mit einer Art unterdrückter und leidender Heftigkeit weiter: das sei beweisbar. Wenn er Fräulein Claudia morgen bäte, mit ihm Duo zu spielen, etwa Brahms op. 108, so ginge das einfach nicht. Arme und Hände hätten alles verlernt außer dem »vergleichsweise primitiven Schlägerschwingen,« sie müßten das erst vergessen, ausruhen, und so. – Damals war ihr diese Vermengung von Dingen nur komisch, heute, beim Erinnern, widerlich … Aber Claudia sagte, nach zwei Tagen Massage sei alles wieder zahm und zu seiner Verfügung … »Zahm und zu Ihrer Verfügung,« sagte sie böse, und Tennis sei wundervoll und höchst nötig zu Zeiten. Und dann die sonderbaren Worte: »Aber ich weiß, was Sie haben. Es ist ganz sinnlos; Sie sind ja gar nicht ausgeschlossen. Ranküne, Doktor? Warum verkleinern Sie sich?« Er errötete hastig, atmete und sagte nichts. Solchen Unterhaltungen pflegte sie nicht zu folgen, dazu war sie zu alt. Aber obwohl sie eifrig dem durcheilten Boden beim Kreisen zusah, merkte sie doch und zum ersten Male ein wortloses Einvernehmen der beiden. Damals freute sie sich …
Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war schon einige Jahre her. Gleich dabei ein Gruppenbild von acht jungen Mädchen, Claudia unter ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig und diese vielen Mädchenköpfe ähnelten einander. War das nicht Else Dominik, die sich beim Präparieren an einer Leiche vergiftet hatte und ein Jahr nach diesem Bilde schon tot war? Denn es stellte die Mädchen dar, welche mit Claudia die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten, nach gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier auf der anderen Seite unten war der Kopf der Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar gescheitelt und aus der Stirn gestrichen, die breit und klug das schon hübsche Mädchengesicht abschloß. Sie nickte erheitert drüber hin: vor dieser unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen, der die Prüfung abgenommen hatte. Nachdem alles vorüber war, lobte er, die besonderes geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt: »Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht studieren wird – warum nur? Ihre Begabung für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.« Da hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht geblickt und ganz laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat, nein, ich studiere nicht. Ich wünsche nicht, eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten zweiter Klasse …« was ziemlich boshaft war, weil der errötende Herr, wie jeder Anwesende wußte, durchaus seinen Teil daran hatte, daß Mädchen noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium zugelassen waren. Die siebzehnjährige Keckheit, dachte die Mutter damals zärtlich und schalt laut … Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten Rohme, der ein kunsttheoretisches Kolleg las. – Auf dem nächsten Bild stand eine Konfirmandin von dreizehn, mit einem halshohen Kleide, zwei Zöpfen und einem goldenen Kreuzchen. In den Zwischenjahren hatte sie sich gegen das Abbilden wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich dafür, und in der Tat war dieses Kindergesicht mit einer großen Nase, breitem Munde und übergroßen Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch, erinnerte sich die Mutter, kam sie eines Tages völlig verstört und krampfhaft weinend aus der Schule und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche Institut zurückzukehren: man hatte, modern wie man war, daselbst klassenweise sexuell aufgeklärt … sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling hob den Kopf von den mit kleinen Bildern besteckten Blättern und blickte in die dunkle Zone, die sich an den lichten Kreis um die Lampe schmiegte. Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren Rucken hin und her, und in der großen sanften Stille schien sein Geräusch laut und langsam. Wie viele Dinge in der Seele des Menschen begraben lagen, Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen, ohne Erwähnung und ohne Dasein. Und bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang es heraus und stand da, unzerstört, unverändert … Nichts ging verloren, und diese lebendige Tochter, dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren gehen? Wie hatte sie sich darüber grämen können! Blieb nicht alles wie vorher? Wenn Claudia zurückkam, war sie wieder ihr Kind – wie oberflächlich und nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen, denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit der unveränderlichen Tiefe aller Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter, die sie verband und durchströmte in magnetischem Sprühen, und von der jener dritte auf immer ausgeschlossen war! Oh Buch der Befreiung, oh gesegnetes gnadenvolles Buch des Trostes! … und ihre Hände wandten fast in Ehrfurcht das nächste Blatt.
Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia allein zeige, und es fand sich: ein ganz kleines, nacktes Kindchen lag großäugig in einem Sessel. Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in Gemeinschaft mit ihrem kleinen Bruder, der so bald starb, mit dem Vater – eine Gabe für die Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte – (wie jung Eggeling hier aussah), mit beiden Eltern. Es waren häßliche glatte Photographien mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen, mit gemalten Hintergründen, Felsen oder einer waldähnlichen Pinselei, mit künstlichen Palmen und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen Schaufeln … Nichts war an ihnen fesselnd – warum doch mußte sie so unverwandt diese Abgeschmacktheit ansehen? Wer war die Frau hier? Unmöglich, sich zu täuschen … Das war Eva Eggeling, diese altfränkisch gekleidete junge Frau in der langen Taille, mit hohen Achselpuffen und Rüschen überall?
Das Staunen, das sie befiel, war fast ein Schreck und benahm die Luft. Ihr Blick verlängerte sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann, jäh zu sich kommend, schüttelte sie den Kopf – eine Haarnadel fiel auf den Teppich – und ihre Augen ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals, allein mit der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet, bis ans Kinn verhüllt, ein und ein halbes Jahr nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst … Sie warf die schweren Blätter um, so daß sie klatschend aufeinander fielen, sie überflog die Seiten, die schon betrachtet waren: hier, und hier noch einmal! und dieses auch … Sie hatte es vorhin übersehen, begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte weiter Blatt um Blatt, in die frühere Zeit zurück, ehe noch Claudia lebte: da als junge Frau, da mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild, diese beiden mußten sie als Mädchen zeigen, es fand sich sogar ein gelblich blasses Kinderbildchen vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter mit der Schwester und ihr! – – Sie erhob sich rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer und tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie einen Handspiegel fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer, zur Lampe, und die Brauen gefaltet, die Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das hellbeleuchtete Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht.
Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder enthielten: die leicht gebogene Nase, der Mund schmal und fest umrissen, dieselben wagerechten Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war ein wenig schlaff geworden, körniger und von Linien durchfurcht, von leise gezogenen Falten an den Augen, am Munde; es war auch voller und nicht mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege – aber es war dasselbe Gesicht, das dieses kleine Mädchen auch schon hatte! Sie blickte zwischen den Bildern und dem Spiegel hin und her, und immer deutlicher schälte sich aus den Veränderungen der Jahre das Wesen heraus, das geblieben war, sie, Eva Eggeling … Eine fiebrige Folge von inneren Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb gedacht oder gefühlt – – sie spürte sie nicht nur hinter der Stirn sondern auch im Herzen, als beängstigende Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung, diese winzigen Züge da von Reifen, Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen fiel auf ihre Brust wie eine Schlinge, die man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte es gehabt ohne zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt, und sie hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft, nie zerlegt; niemals hatte es sie in Staunen geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren da, wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen: man trug sie – dem Augenblick ward das seine … und nun war sie alt und begriff nicht wie sie's geworden war. Denn da sah sie ja noch alles, was einmal Eva Maurer gewesen war, in aufblitzenden Gesichten: ihre Puppe hatte ein rotes Kleid; ihr Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden Tag mit bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im Garten zog ein Junge ihren Kopf an den Zöpfen rückwärts, mit umarmender Hand … und küßte sie blind ins Gesicht … sie rührte sich nicht und atmete hastig. Sie tanzte mit jungen Leuten, ihr Fächer war mit Röschen bestickt, einer der Tänzer war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden geschüttelt von gräßlichem Stoßen und Zerreißen in ihrem Innern, das ihr den Leib zersprengte; ein Mädchen war's … Einmal stand sie auf Notre Dame, und unter ihr blitzte die Seine durch Paris wie ein geschlängelter Dolch, durch Paris – und man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause, eingesargt … Und als Klaus nach drei Tagen, im Bett verbracht, tot war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹ beibrachten, da fühlte sie nichts als ein ungeheures wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie eine Luft ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche und sah dem Manne ins Gesicht, in das kluge etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder daß man tot sein könne, noch, was das war, noch daß dieser da nicht einfach aufstehen könne und die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen, wie er pflegte, noch daß er überhaupt je gelebt; nur sah sie, daß Totsein mehr war als Nichtmehrleben (aber was mehr, fand sie nicht).
Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter ihres Mannes mit seiner Stirn und seinem Geiste – aber noch immer war sie's, Eva, die groß und wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie hinten geblieben! Wie war denn das gekommen, daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen Strähnen gelegt? Wo war es denn hin, und wie war es durch sie hindurch geglitten, das, was zwischen jung und alt lag, das Leben?
Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit dem Kinn auf die Brust; der Atem ging kurz und gebrochen, und hinter der Stirn drückte ein dumpfer Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie das Pendel die Zeit zerteilen hörte, und suchte etwas Deutliches zu denken, aber ein schwarzes Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben nicht, das sie dennoch einmal gewesen war. Nach den Blitzen, die sie vorher durchzündet hatten, war nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie hatte geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und den Mann ertragen – war das überhaupt wahr? war's gestern? Und heute erlebte das ihre Tochter: Küsse, Angst, Lust und den Mann … Das Herz schlug ihr und hatte immer geschlagen. Ihre Ohren hörten, und immer hatten sie gehört. Aber von Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva Eggeling, die in Schauern empfing und Kinder säugte; etwas war von ihr gewichen, unmerklich, das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert und Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen, es fand sich nicht mehr vor und sie wußte nicht, wohinein es verdunstet war … Sie hob endlich die schweren Lider und sah vor sich hin, erst ohne zu sehen und als hätten die Augen keinen Glanz mehr. Dann merkte sie, daß ihre Hand vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male vor Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts sonst an ihrem Körper. Aber eben lag, fast vom Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes Ding vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig. Hatte sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige Wesen da, schlank, weiß und ausdrucksvoll gegliedert, nicht aus der winzigen täppischen Faust eines kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam gedehnt und zugenommen, ohne jemand zum Aufmerken zu bringen, ungesehen vor allen Augen – bis es das da geworden war, das Greifding, mit vielfach zerteilter Haut umkleidetes Fleisch, das bläuliche Adern enthielt, Muskeln und unsichtbare Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen Skelett …
Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen Jahren.