Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte den Tod nicht zu fürchten, ehe er da war – sie konnte sich bei seinem Namen noch immer nichts Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts, denke nach! Sieh hin! Man wird eine kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe nicht mehr vom Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken, unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke liegt zu Bett, auf dem Nachttische Fläschchen mit roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es riecht nach Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man sich gegen das Sterben; man stirbt – das ist irgendwie dumpf grausig … aber dabei lebt man noch. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen schneidet ein Riß, ein undenkbar schmaler – aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke wollte ihn ihr füllen. Laß ab.

Sie würde also sterben … was blieb dann von ihr? Was war von ihrer Mutter geblieben? Das böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte – denn meist war sie vergessen – und sie, die Tochter. Und so würde von ihr nichts bleiben als diese Tochter und das Gedächtnis – ein gutes, denn sie hatte das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert und sich in die fremdesten Wege gefunden, die zu dem bewußten Sein, dem Denken und der Kunst führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen werden und gelegentlich auftauchen. Und diese Albumbilder würden bleiben, bis sie zerbrachen oder sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich einmal aus denen ihrer Mutter löste, und war mit dem Manne gegangen. Und nun stand vor jener dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken beugte. Betty Maurer, Eva Eggeling, Claudia Rohme – wie würde das nächste Haus heißen? Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben herbergten und es weitersandten. Aus einem Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor, das aus namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit gaben sie es dahin an ein Unbekanntes, das aus ihrem Schoße ging: denn ein dunkles Tor waren sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen. Sie waren Mütter.

Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte. Sie besann sich, überlegte, erhob sich und ging in ihr Zimmer; sie klingelte dem Mädchen, sah seine verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich frisieren. Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck und gab an, daß man den Tisch decken sollte, und auf welche Art. Dann fragte sie die Köchin, was sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich, daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen stehen müßten und sagte zu der Zofe: »Im Zimmer des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else. Stellen Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen lief hinaus, und Frau Eggeling hörte, daß es, kaum auf dem Gange, laut aufschluchzte. Sie wiegte den Kopf hin und her. So sehr liebte man das Kind, da draußen …? Wie das weinen konnte, offen und genußreich … Doch keinen Augenblick verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte zeigen mochte, denn das Mädchen hatte sie sonderbar behutsam und scheu bedient. Und eine Spannung hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll und entladend kommen mußte. Ihr war, als sei sie innen ein großes, mühsam geknebeltes Tier.

»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« – »Ich bitte.«

Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische Luft und Kälte um sich, wie er da aus dem kalten Winterabend in die allzu lang geschlossenen Zimmer trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht gerötet; und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam, alle ihre Fassung zu Hilfe. Sie hatte diesen hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte sich so sehr nach Zuneigung und Trost … Sie hieß ihn willkommen und er neigte sich über ihre Hand. »Ich habe wirklich nicht gewußt, gnädige Frau, ob es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte herzlich, sagen Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber Sirmisch! ich wüßte ja nicht, was ich anfangen sollte ohne Sie … Ich muß mich doch erst daran gewöhnen …« Sie stockte. Ihre Hand glitt unaufhörlich an den Perlen der Holzkette auf und ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige Frau.« Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese Blumen in einer Ihrer hübschen Vasen unterbringen?« »Wie schön! Wo haben Sie das gefunden? Lange elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt und mit so zarten Blättern? Ich kenne sie nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch nicht. Ja, sie sind ziemlich apart. Ich fand sie in dem Fenster eines Ladens und erlöste sie aus einer Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün. Was für ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?« Die schlanken Stiele zitterten in der kranken Hand. »Ich suche schon … hier? nein, das ist zu bunt … Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen chinesischen Krug hin, mit Stieglitzen, die durch Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften. Er stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub für zwei Minuten, ich hole nur Wasser und Salz; hineinstellen dürfen Sie sie selber.« Sie nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf und ab … wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia, sagte er zärtlich in sich und hielt inne. Da waren ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah das Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut musterte er die Bilder der aufgeschlagenen Seiten, er kannte niemand; lauter alte lächerliche Bildchen mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten; und er wollte eben umblättern, als er die Hausfrau eintreten hörte. Sie sah, was er betrachtete, fühlte sich jäh erblassen und stellte die Vase klappernd aus der Hand, in unverständlichem Schreck. Er drehte sich um: »Was haben Sie hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese Trachten …« Warum war sie denn so bleich?

Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt war von Schwäche gehemmt, schloß das Buch mit einem klatschenden Laut, und sagte, während sie mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja. Ich hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht was tun … Es ist unser Album. Ihnen scheint es dumm, natürlich. Aber ich … mir hat es erzählt–« hier brach ihre Stimme, und Laute der Qual verstummten, die er in seinem Leben noch nie gehört hatte. Die alte Dame schloß die Lippen eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um sich, um ihre Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit, mit dem Elend des alten Menschen – jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich ihr Mund in unsäglichem Schmerz, und mit lautem Schluchzen brachen die Tränen aus ihren Augen. Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von Weinen geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend ins Herz biß.

Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände in den Taschen, ratlos von Schreck und Mitleid. Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht zu zeigen, das eben noch feucht war von solchen Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie verlegen wäre … aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen. Bleiben war im tieferen Sinne der rechte Takt. Diese alte Frau! was fühlte er für sie? Es war ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines machtlosen Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich vor ihr zu verneigen.

Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf ihn gerichtet. Da ging er ihr entgegen, ergriff wortlos ihre Hände und küßte sie.

Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den stillen Raum mit sanftem Klingen.