Die keusche Nacht

Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem Glanz, und das Sofa, drauf sie ausruhte, war mit blumigem Plüsch bezogen – einem Stoff, der kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte. Es war vielleicht nur Nervensache, daß sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der Fahrt taumelte noch in ihrem Kopfe – aber gleichviel, gleichviel … sie fand sich davon gemartert … Sie preßte die Handflächen kühlend an beide Schläfen. Früh das Standesamt, das Frühstück, darauf die Fahrt – und nun stand noch das bevor …

Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend auf ihrer Brust … Was in ihr schrecklich bebte, war gar keine Spannung, gar keine Erwartung – am allerwenigsten freudige; es war auch keine Sehnsucht nach innigster Einheit und kein verschwiegenes Drängen nach Hingabe und nichts weniger als Liebe: es war einfach Angst – Angst vor dem Manne, die sich nicht beschwichtigen ließ, die unzugängliche Angst des Körpers vor einer allzufremden Erfahrung … Sie erinnerte sich ähnlicher Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten Mal im kalten Flusse baden sollte; denn ihr Verstand war keineswegs ausgeschaltet – er arbeitete vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener, und nannte alles beim Namen – vielleicht etwas greller als sonst; und er lenkte nicht mehr. Den Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und ohne Auflehnung beugte sich ihr geistiges Wesen unter diese Herrschaft äußerer Gewalt. Ihr Körper, der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und herrisch gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte sich ausgeliefert wie irgendein kleines Mädel, das vor dem Lehrer zittert.

Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke klirrte, zerdrückte ein Taschentuch in den Händen, die immer wieder feucht wurden, und erkannte klar: als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen. Genommen werden war eine Gnade, sich geben können ohne Bräuche und Scham eine gleiche. Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam. Man mußte sich irgendwie dabei benehmen, denn durch die Aufmerksamkeit, die alle darauf wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen, ging die unbefangene Geste der Liebe verloren, gerade für die Liebenden mit vertieftem Gefühl – aber nichts sagte einem, da Natur schwieg, welche Gebärde sich dafür einstellen sollte; und man schritt ratlos wie ein Verirrter und ganz so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und halb sich zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten Dingen stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in einem schwerfälligen Kruge dufteten; ein ganzer Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth, der gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen einen Strauß geschenkt, den sie alsbald im Kupee hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint … Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die Fenster verschlossen: aber sie hingen ohnehin in Ordnung … und man fand sich abgeschmackt und ungeduldig empört gegen sich selbst … Warum er sie jetzt allein ließ! Er hatte doch verstanden, weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu Abend gegessen hatte! Er sollte kommen!

Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre Hände und das zerknüllte Tuch, verschwand das schwache Lächeln aus seinem Gesicht, und er wurde sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte. Denn, nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt behandelte, das war unmöglich. Er nahm ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und blieb vor ihr stehen; die festgehaltenen Hände bildeten eine Kette von ihr zu ihm. Er machte seine Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit dem gütigsten und behutsamsten Klang, den er finden konnte:

»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.« Ihre Leiden strebten ihm sogleich entgegen: »Ja, Walter, ja, ich fürchte mich … Nicht vor dir; vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem Ritus.« Sie versuchte zu scherzen, aber wie kläglich mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz geöffnet, zehrten von seiner Miene. Er erwiderte mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit:

»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen, wie gute Kameraden, nicht? oder soll ich still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog in Dankbarkeit seine Hände näher; seine Ruhe und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte.

»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns alles, wie sonst. Ich fürchte ja nur das Unbekannte; dumm macht es mich darum nicht …«