»Gut,« sagte sie. Sie sah ihn mit langem Blicke an und verschwieg dabei diesen Gedanken: was für ein seltsames und verstiegenes Gespräch wir da gehabt haben, wir Eheleute! Und was taten wir eigentlich? Nichts, als daß wir ein Gefühl ernst nahmen und gestanden, das man sonst leugnet: Angst – und redlich darüber beschlossen. Und alsbald schwand es, wenigstens soweit, daß man frei genug wurde, den ganzen Vorgang zu beurteilen. Ihr Herz ging leichter und die Freiheit und Zuversicht machte sie fast scherzen: »Ich bitte um eine halbe Stunde.« Die Uhr bereitete sich in diesem Augenblick surrend auf den Schlag vor; ein Blick lehrte ihn, es sei halb zehn.

»Wir werden beide gut schlafen. Die Eisenbahn hat sich um uns verdient gemacht. Au revoir,« sagte er lustig, als sie die Tür öffnete.

Sie schloß sie kaum hinter sich – da schüttete er schon Wasser in ein Glas, seine Hand, die die Karaffe hochhielt, zitterte so, daß es die Tischdecke näßte, und er trank gierig. Sie hatte nichts gemerkt, nichts, nichts. Er atmete tief und preßte die Luft in den Lungen, ehe er sie ausstieß. Nichts! Sie hatte ihm die Ruhe, die Sicherheit und Heiterkeit geglaubt – welches Glück! Nun war sie drinnen, soweit als möglich beruhigt, nun konnte er sich gehen lassen und ruhen, bis die neue Qual begann. Er ging in das Zimmer nebenan, das den Erker nach dem See hinaus hatte, das Wohnzimmer, und legte sich auf den Divan, die Hände unter dem Nacken und den Blick zurück gerichtet, in den hellen Raum, den er eben verlassen hatte. Es fiel ihm ein, er werde nachher dort durchgehen und die Tür zum Schlafzimmer öffnen müssen; dann durfte dort kein Licht brennen; im Dunkeln war es allein erträglich, möglich. Er stand auf und löschte mit einem gezogenen Kettchen das brodelnde Gas, kehrte zurück und legte sich wieder hin, zur Besinnung. Das dreigeteilte Fenster des Erkers lockte vergebens, tintenblau mit scharf funkelnden Sternen. Er forderte Rechenschaft von sich. Er hatte gewußt, daß es schwer sein würde, aber erst in diesen Stunden hatte sich die ganze Qual, die Unmöglichkeit der Gegenwart aufgetan. Hier konnte er sich nicht in Zynismus retten, wie früher, auch das Pathos oder die lachende Überraschung waren ausgeschlossen, die ihn, als er noch jünger war, wie schäumende oder durchsichtig blaue Wellen über solche Stunden hinweghoben – es galt vielmehr, die schärfste Zügelung jedes Wortes, jeder Geste durchzuhalten: denn bedenke, mit wem du es zu tun hast, mit Claudia, deiner Frau – und was alles von dieser Nacht abhängt: alles. Diese Nacht und die nächsten konnten ein Unheil anrichten, das nie mehr gut zu machen war. Nie? doch nicht; solange man lebt, ist nichts endgültig. Aber Leiden, Fremdheit, Mühsal konnte ihnen heute nacht ebenso anfangen, wie letzte Innigkeit und ein Glück, das bestand. Heute hatten die Körper sich zu erkennen wie vordem die Seelen. War es nicht Zeit, sich zu entkleiden? Nein; Ruhe. Sie wollte eine halbe Stunde und er wußte, daß sie Muße brauchte. Er zitterte vor Erregung – vor einer erregten Angst, wohl zugegeben. Sie fürchtete sich nicht allein. Sie hatte es leichter, wahrhaftig; sie brauchte nur zu warten und genoß das Glück der Passivität. Er aber hatte zu handeln, und unter welchen Erschwerungen … Seine Hände waren leichenkalt. Das war die Rache der Kultur, die bis hierher drang – bis hierher, wo die Seele eigentlich nichts zu tun hatte und hemmte, erschwerte und quälte. Wie einfach der Sachverhalt zu umschreiben war: sie legt sich zu Bett; er legt sich in ein Bett nebenan, damit ist er bei ihr, und dann ist es geschehen. So brutal das klang, es war dennoch keine Befleckung der Geliebten, es zu denken. Der nackte Ernst duldete keinen verhüllten Ausdruck, und nicht ein Gran kalten Spottes wehte ihn an. So sah, kraß und durchsichtig wie ein Skelett, der Vorgang aus, wenn man ihn dachte. Aber das Verwirklichen war eine Vergewaltigung der Seele, des eigenen Geistes, der jede Handlung mit Wachheit belud und in eine ätzende Helle hob. Die ganze Handhabung enthüllte Unmöglichkeit. Gesittung, die dergleichen hervorbrachte, war Barbarei. Man konnte Pferde zur bestimmten Stunde aufeinander loslassen; Menschen zu verheiraten wurde zur Schändung, heute, wo Liebe und Ehe als Dinge der lebendigen Seele die Körper beherrschen sollten. Denn hier konnte nur Natürlichkeit retten, schamlos reine Natur, und das verfeinerte Gefühl, das Bewußtsein, das nie erlosch, die unermüdliche Scham erhitzten sich im Kampfe mit der Begierde, die plötzlich vom Geheiß der Sitte legitimiert wurde, zu einer Qual, die den Geist zerfraß wie chemische Säure. Und die Rettung, die anderen blieb, die überraschende Vereinigung vor der Trauung, in irgendeiner übermütig und harmlos beginnenden Stunde, wo sich plötzlich, mitten in einem heiteren Beieinander die Begierde und Hingabe wie eine Grube unter dem Wege öffnete und sie verschlang – was anderes machte sie unmöglich als diese selbe Zucht und Scham, die Gesittung und Zügelung der Gefühle? Claudia Eggeling, die sich nehmen ließ – das gab es nicht. Wahrhaftig, die Seelen waren den Bräuchen voraus, und schleppten sie am Fuße nach, und Kugel und Kette zerrissen das Fleisch.

So lag der glückliche Bräutigam im Finstern auf einem Divan und ließ, auch er, dieselbe Not in dieselben Formeln gerinnen.

Jetzt war es Zeit. Er zündete eine Kerze an und holte aus dem flachen braunen Koffer das lederne Besteck, das in vernickelten Büchsen, deren jede die Lichtflamme spiegelte, die Bürsten und Flaschen enthielt, die zur Toilette nötig waren. Er hatte, während er sie vorhin allein ließ, Handtücher und ein Waschbecken aus dem Schlafzimmer hierher getragen, indem er den Korridor benutzte; es stand auf einem Stuhl nahe beim Spiegel und mußte morgen früh zurückgeholt werden, damit die Bedienung nicht rede. Er legte den Schlafanzug über einen Stuhl; der Spannbügel, der hernach die Beinkleider aufzunehmen hatte, klirrte in seinen zitternden Händen. In der Küche wachte gewiß noch jemand; und während er mit verzweifelter Geste alle Überlegung von sich warf, entschlossen, die Handlungen vom Augenblick bestimmen zu lassen und nichts vorher zu ordnen, ging er zur Tür, unten warmes Wasser zu erbitten, zur Reinigung der Zähne.

Claudia lag schon zu Bett. In der Rastlosigkeit, mit der sie sich, allein, wiederfand, hatte sie sich entkleidet so rasch als möglich, und versuchte nun, durch Denken die Lage vertrauter zu machen. Daß sie sich ganz ohnmächtig, und nicht, wie sonst so oft, die Geschehnisse beherrschend, sondern fast gebunden und jedenfalls ausgeliefert hier ausstreckte, in der unerhörten Lage, den Besuch eines Mannes zu erwarten, das war's, was sie begreifen wollte. Zwar beruhigte sie sein Versprechen, dem sie unbedingt vertraute, aber doch noch blieb Fremdartiges genug in der Stunde, sie tief zu erregen. Das gleichgültige Bett, dessen weiche Federkissen ihr wie eine halbflüssige Masse um die Glieder klebten, war viel niedriger als das ihre daheim, und sie begriff nicht, warum ihr das einen so fühlbaren Unterschied bedeutete. Liegen ist doch liegen, dachte sie; nun störte sie die Nähe des Fußbodens, wie wenn sie zu ihm noch andere Beziehungen hätte, als daß das Bett mit seinen vier Füßen darauf stand, und ebenso das leere nebenan … Da liege ich nun in einem fremden Bett … Sie erinnerte sich einer ähnlichen Wachheit und desselben fremdartig deutlichen Fühlens ihres eigenen Körpers aus einer Nacht, ehe sie mit leisem Fieber eingeschlafen war: die Entfernung ihrer Zehen, in denen das Blut fühlbar pulste, von dem Kopfe, der das abmaß, schien ihr übermäßig groß; sie empfand sich wie einen geographischen Gegenstand, einen Kontinent, der sich selbst dachte. Die Füße, Beine und Schenkel strebten wie halbinselig ausgedehnte Gebirge zum Rumpfland zurück, das den Schoß hinaufsteigend sich zu einer flachen Schale wölbte; zwischen den Brüsten senkte sich ein Paß, und der Hals war der Isthmus, der zu dem felsigen und bewaldeten Gebirge führte, in dem die Gedanken vulkanisch kochten; sie öffnete die Augen, damit sie Bergseen wären, und lag ganz still, ein Erdbeben zu verhüten. Die Arme, rechts und links, waren vorgelagerte Halbinseln, sie bildeten Fjorde und beschützten das Land vor den Wellen des ungeheuren dunkeln Meeres, das draußen brandete, unzugänglich jedem Messen und nur den Augen ringsum sichtbar; ein stiller Ozean, der an den Zimmerwänden nicht endete, sondern durch zahllose Poren frei flutete und sie in Einheit schloß mit Bäumen und Sternen, die er umspülte wie sie. Sie verhehlte sich nicht, daß sie bei diesem Erleben ihrer verwandelten Gestalt gern verweilte, um nichts anderes zu denken; endlich aber erlosch der Zauber und sie kreuzte die Arme über der Brust. Sie versuchte ein anderes Spiel, spannte und entspannte die Muskeln der Arme und Schenkel, die von Tennis und Reiten hart und geübt sich zu elastischen Strängen und Knollen spannten; und ließ es wieder, ungeduldig und ruhelos … Manchmal, wenn sie auf Asaphs Rücken durch die Alleen des Großen Gartens trabte, innerlich jauchzend im Rausch der Kraft und des Eilens, hatte sie an die Stunde gedacht, wo sie sich ihrem Liebsten geben würde: nackt nach einem Bade mitten in der Sonne, oder nackt, daheim, im feierlichen Pathos einer Nacht, die von Leidenschaft funkelte – und nun lag sie hier im fremden Raum, unbeweglich, vom Hemd verhüllt bis an die Knöchel und an den Hals, während in Räumen dicht nebenan fremde Menschen atmeten, und ihr Herz pochte alsbald vor Furcht wie ein Tier, das den Kopf an die Wand des Käfigs schlägt.

Es blieb sterbend stehn: die Tür.

Es war ihr unmöglich zu schweigen: »Walter?« fragte sie und stieß sich vom Kissen ab, halb sitzend.

Seine Stimme antwortete, tief und zitternd: »Liebling … wer sollte es denn sein?« Und schon verriet das Seufzen des Bettes, daß er lag: er hatte sich mit drei Schritten hineingestürzt, blind wie in eine Gefahr. Sie ließ sich zurückfallen, aufatmend und von irgendetwas erlöst: »Ich bin ganz rasend dumm … ich weiß nicht …«