»Hab ich dich erschreckt? Ich hätte klopfen sollen; aber es schien mir lächerlich, daß du dann ›herein‹ zu rufen hättest« … Er mußte eine Pause machen. Die Worte konnten verraten wie er bebte, ehrfürchtig und angstvoll vor der Schwere der Stunde. Aber sie konnte die Erregung mißdeuten, und er mußte ruhig scheinen. »Gib mir die Hand,« sagte er. »Es ist nur, daß du mich fühlst,« fügte er hinzu, »es beruhigt dich vielleicht.«

Eine Hand betupfte ihm Bart und Mund; er ergriff sie und küßte sie.

»Wohin hab ich denn getastet? Doch nicht ins Auge?« fragte sie besorgt. »Man hat gar keine Richtung in der Finsternis …«

Er antwortete nicht, er küßte den Rücken der Hand und die Knöchel der Finger, wendete sie behutsam und küßte auch das Innere; ein schwacher Blumenduft haftete daran. »Nicht«, sagte sie schwach, und versuchte sie ihm zu entziehen. Er hielt sie fest. Ein Trieb befahl ihm das, und er folgte. Nur küßte er sie nicht mehr und begnügte sich, sie zwischen seinen beiden zu liebkosen. Er war froh, zu liegen; jeder Fortschritt ins Ungewöhnliche hinein nahm der Stunde etwas von ihrer Schwierigkeit und war ein Sieg, den man erleichterter genoß. Diese Hand hier schlug einen Steg in das dunkle Nebenan. Wenn er nur soweit kam, daß sie heute einschlief, den Kopf an seiner Schulter, so war er glücklich. Er würde die ganze Nacht wach liegen. Er würde ihrem Atem zuhören und ihr Haar küssen. Die Stunden würden feierlich an ihm vorüberziehen und der Morgen ihre Liebe grüßen, die der Begierde nicht bedurfte.

Wer ihm gesagt hätte, daß er darauf aus war, seine Frau zu verführen, der hätte ihn sehr verwundert, vielleicht empört.

Eine ganz seelische, übermäßig heftige Zärtlichkeit für das Mädchen neben ihm erstickte sein Herz. Er gedachte eines Sommertags, eines goldenen und blauen, wo er rauchend im Grase saß, unter endlosen Tannen, und ein Mädchen bewachte, das unter seinem Mantel schlummerte. Die Innigkeit, die er damals spürte, war blaß gegen seine Liebe zu Claudia, die jetzt neben ihm lag, und niemals seit jenen fernen Tagen hatte er so tief verstanden, wie keusch Jünglinge lieben, und wie glücklich sie sind.

Als er spürte, daß sie ihm die Hand gewährte, legte er sie sich auf die Stirn. Sie streichelte ihm gern Stirn und Schläfen; ob sie's auch jetzt tat? Aber er erschrak – die Hand entfloh. Es war ihm, als würde ihm ein Eigentum entrissen und ein Trost. »Da, nimm diese,« sagte sie, »es war so unbequem,« und eine Hand war wieder nahe, mit leichtem Rauschen des bewegten Linnens, legte sich selbst wieder auf die Stirn, blieb dort warm und lebendig liegen, schlüpfte in sein Haar und grub sich ein. Eine Zeit verfloß, die er nicht messen konnte; es waren gewiß nur wenige Minuten, aber sie schienen ihm sehr lang. Er war ratlos und wußte nichts zu tun, und jeder Augenblick fiel vermehrend in das Schweigen und überschwemmte ihn mit Verzweiflung: denn die innere Stille, die er neben ihr liegend erwartet hatte zu fühlen, dieses tief beruhigte Einsinken in Glück blieb aus; etwas in ihm drängte den Zustand zu verändern, wollte weiter, litt im Bleiben: und doch schien kein Weg gebaut und kein Geländer aufgerichtet, sich daran weiterzutasten. Er hatte in seinem Körper einen blinden Drang, in der Brust, den Leib herab, in den Schenkeln und bis in die Zehen, dem ihren nahe zu sein, sie ganz zu fühlen, sie an sich zu reißen und mit Küssen und Bissen unter sich zu ersticken. Aber keine Möglichkeit kam dem sehnsüchtigen Trieb zu Hilfe, und einen Entschluß daraus zu machen, ohne Gelegenheit wie ein Tier über sie herzufallen, war unausführbar. So lag er ganz still und grämte sich und stöhnte lautlos im Pochen des Blutes.

Sie rührte sich in ihren Kissen: »Ich nehme die Hand weg, ja, Walter? Es ist sehr unbequem.« »Quälen sollst du dich nicht, kleine Claudia,« antwortete er, froh, daß ihre Stimme ruhig war. Er irrte; die Stimme war kalt und die Unbequemlichkeit ein Vordergrund. Er sollte nicht fühlen, daß die ungewohnten Betten sie, Claudia, erhitzten. Er hätte es mißdeuten können und vielleicht meinen, daß die Küsse, mit denen er die erste Hand liebkoste, diese Unruhe und dies peinlich süße Brennen in ihr entzündet hatte. Sie lag ganz steif, weil sie sich am liebsten fiebrisch hin und her gedreht hätte, sprach sehr kalt, und hielt sich fest wie an gespannten Seilen; so liegt ein Boot in starker Strömung reglos und strafft seine Taue wie Saiten. Er war ja so sicher und überlegen; welche Beschämung, wenn er sie dennoch mißdeutete! Man mußte wirklich eine alltägliche Situation daraus machen. Das war das leichteste: und man konnte es, denn von ihm kam keine Gefahr. Hatte sie sich eigentlich schon einen Augenblick geschämt? Nein, antwortete sie sofort, Scham war heute noch nicht vorgekommen, und zwar bei ihr, Claudia Eggeling … Aber das Erstaunen schwand sogleich: Warum denn schämen? Errege ich jemandes Aufmerksamkeit? Bin ich das Ziel von Blicken oder … Wünschen? Ich liege hier, im Finstern, im Bette, sittsam bekleidet bis zu den Knöcheln von Hand und Fuß – und der Mann nebenan … bewahre! sie hatte sich wirklich umsonst geängstigt … und es war ihr ganz unbegreiflich, daß plötzlich eine Art Übermut und – Spottlust in ihr tanzte; einen unruhigen und ungesunden Tanz.

»Wo bist du eigentlich?« fragte sie kühn und erschreckend über ihre Keckheit; »ich sehe noch immer nichts.«