»Hier, ganz dicht bei dir.«
Ihre Frage hatte ihn aus seinem Gram gerissen; ohne irgendeine Überlegung, von einer blitzenden Klugheit gestoßen, benutzte er sie und schnellte sich an die Kante, mit der die Betten aneinander grenzten. Er lag jetzt wirklich ganz in der Nähe; der Ruck hatte ihn fast in ihr Bett getrieben. Er atmete tief: und der Duft ihres Haares drang ihm bis tief ins Herz. »Laß mich dein Haar küssen,« bat er, und, wieder klüger als er wußte, wartete er nicht auf Erlaubnis oder Abwehr, neigte sich hinüber und atmete in ihren Haaren.
»Nein,« wehrte sie erschrocken, »nein« … Ihre Keckheit und Sicherheit und aller Spott waren dahin; sie fürchtete sich und wagte doch nicht, sich rühren zu wollen. Er küßte ja immer ins Haar, redete sie sich zu und entschuldigte die Duldung … Ihr Atem ging wie zerschnitten, und kurze rastlose Wellen schlugen gegeneinander und an die Ufer ihres Geistes – sie verlor das Steuer und sah nicht mehr wohin … Und nun sagte er plötzlich: »Weißt du was? Ich komme zu dir,« und er kam zu ihr … »Nein,« rief sie, »nein!« und das Hämmern ihres Herzens zerschlug ihr die Stimme.
Aber er war da. Er wußte nicht, wer es ihm gesagt hatte; er hatte einfach ausgeführt, was man ihm befahl. Er erschrak tief über sich, er lag ganz still und versuchte sich zu fassen; aber die Wärme ihres geliebten Leibes hatte sich diesen Kissen mitgeteilt, eine Decke lag über ihnen beiden, und sie war es, Claudia, deren Haar hier noch eben gelegen hatte. Das Glück, das in ihm stromgleich wirbelte, stürzte über Katarakte von Lachen und Rausch – und daß er sich noch berauschen konnte, daß es noch Augenblicke gab, die er nicht leitete, das verstärkte widerhallend sein Glück.
Sie hatte sich ganz bleich an die äußerste Kante des Bettes geschmiegt und schwieg; sie wußte nichts von dem was sie fühlte, ein blinder Wirbel sauste in ihr um, nur blitzte mittendrin auf, daß sie hinausfallen werde und daß das Bett niedrig sei … und daß sie ganz gelähmt lag, eine Beute, das wußte sie. Das Blut sang ihr in den Ohren und ihr Atem ging sehr laut und schnell.
»Liebling,« sagte er sanft und leise, »warum fürchtest du dich? Ich will ja nur dir nahe sein, ich will nur dein Gesicht ahnen, deine Hände halten, von deinem Haare atmen. Vertraust du mir nicht?« Er folgte der Technik geübter Eroberer, die verdächtige Taten mit wohlklingenden Worten begleiten und damit durchaus Vertrauen gewinnen, nur erfand er sie im Augenblick, wußte von nichts und glaubte ehrlich – sein erstes Opfer war er selbst. Nach einer Pause sagte sie: »ja« mit einem hohen atemlosen Stimmchen.
Wie von einem kleinen Mädchen kommend hörte sich das an. Als wäre seine kluge und überlegene Claudia ein ganz kleines Mädchen, irgendeines, das hier schutzlos zitterte. Die Rührung, die ihn überwältigte, tränkte heiß und selig sein ganzes Glück; er lächelte im Finstern und flüsterte: »Darf ich nicht wieder deine Hände haben?«
»Ja.«
Wie irgendeine sagte sie's … Lisbeth Ohlsen, die kleine Gouvernante, mit der sie sich einmal eins gefühlt hatte, konnte zu Oswald Saach, ihrem Liebsten, nicht anders »ja« gesagt haben als seine Claudia zu ihm … Er tastete nach ihrer Hand, ganz, ganz behutsam, und fand beide. Sie lag auf der Seite und streckte ihm beide Hände hin, damit er nicht näher käme. Er nahm sie, küßte sie beide, küßte sie oft und hielt sie. Er dachte nichts, endlich genoß er das Glück des Augenblicks, das ihm die kleine Uhr zumaß, die atemlos lief. Er fühlte ihre Hände zittern. Warum zitterst du, meine Liebste? Was soll ich tun um dich zu beruhigen? Soll ich gehen? Soll ich mein Bett nehmen und vor deiner Schwelle schlafen? Ich will ja nur, daß du glücklich bist, nichts sonst! … du sollst dich nicht ängstigen während mich Seligkeit hebt … Er preßte ihre Hände und küßte sie, aber sie zitterten. Er mußte etwas finden sie zu beruhigen, sie durfte nicht länger leiden. Die Anekdote fiel ihm ein, die er ihr versprochen hatte; sie würde sie ablenken und ihr Ruhe geben. Und er machte sich einen leichten Ton:
»Soll ich dir nicht die Geschichte von damals erzählen? Du wirst sehen, du brauchst nicht zu beben, Liebling. Ich habe als Student einmal die ganze Nacht neben einer Freundin geschlafen; Kollegin, Mediziner. Ich arbeitete mit ihr und hörte sie Anatomie ab; ich wußte darauf fast alle Knochen des Kopfes auswendig … Ja, wir machten also eine Fußtour im Schnee, in den Weihnachtsferien. Wundervoll, im Tirolergebirge. Natürlich war der Schnee zu hoch, und wir mußten mitten in der Etappe übernachten. Das Wirtshaus hatte eine vermietbare Stube mit zwei Betten; wir nahmen das Zimmer, und sie schrieb sich als meine Schwester ins Fremdenbuch; sie hatte auch rote Haare wie ich. Das Zimmer ließ sich nicht heizen und wir waren beide durchfroren; die Betten aber kalt wie Schnee; scheußlich. Wie ich schon warm war – ich hatte einen Grog getrunken – schlug sie mit den Zähnen noch Trommelwirbel. Darauf erklärte ich, sie werde krank werden, legte mich zu ihr, hielt sie fest – sie wollte wirklich aus dem Bett und ich mußte wie ein Kater fauchen bis sie still war – und wärmte sie. Und dann waren wir müde, nicht? und schliefen wie Bruder und Schwester.«