Menschenstimmen machten den Saal erbrausen, geübte und klare, ein lobsingender Strom. Weißgekleidete Frauen standen in tiefen Reihen und sangen mit weitem Mund, über ihnen türmten sich die Plätze der Tenöre und Bässe, und das Orchester schnitt den ganzen Chor in Hälften und schob sich dazwischen bis hinauf zu den blauen Fenstern, die die rote Wand des Halbrunds teilten – ein breiter schwarzer Streifen, über dem die Bogen der Streicher rhythmisch stiegen und der vom Metall der Hörner blitzte. Aber zwischen den hohen hellen Mauern, tief unter der braunen Decke, von der summende Lampen milchig leuchteten, saßen geduckt die Hörer, und über ihre Köpfe hin tobte die Wucht des Gesanges, schlug schäumend an den Wänden empor, schien das Licht zu verdunkeln und schüttelte, in die Körper aller der Menschen dringend, ihre Herzen wie ein einziges großes Herz. Sie klangen wie Chaos, diese Chöre, sie riefen in Verwirrung nach Donnern und Blitzen – waren sie in den Wolken verschwunden, daß solches geschah? – und sie schrieen nach den Pforten der Hölle, damit sie sich öffne, den Stifter des Unheils zermalmend zu verschlingen; Jesus war gefangen worden, Judas hatte ihn verraten – und der Chor empörte sich selbst statt dieses allzulangmütigen Donnerers, er selbst raste wie Flammen in den Höllentoren, Blitzen gleich gellten die Flöten und der Aufschrei der Tenöre, und das rastlose Brausen der Stimmen, die einander forttrieben, ihre kunstvolle Wildheit und die düstere Szene um den gefangenen Heiland, welche die Worte malten, gaben die chaotische Verzweiflung selbst, in der jedes Gesetz erloschen schien und jeder menschliche Trost. Aber dies Chaos war von genialen Regeln erzeugt, dieses Durcheinander von geführten Stimmen und tönenden Instrumenten ordnete sich nach wenigen Gesetzen zu einem übersichtlichen Gebilde, und die Rhythmen, die sich verwirrten und kreuzten, die Harmonien, die sich bedrängten und auswichen, unterlagen dem unerbittlichen Maße eines frommen Meisters und seiner unerhörten Kunst. Dort regte sich der Dirigent: aus dem kleinen Herrn im Frack und mit dreieckiger Glatze hatte sich das hundertjährige Werk ein Werkzeug geschaffen, um wieder einmal zu entstehen, hatte einen Menschen aus Enge und Einzelsein in die weiteste und leidenschaftlichste Hingabe entrückt, und leitete sich selbst mit dessen bewegten Armen, zuckendem Körper und dem Geiste, ganz in Musik gelöst; und durch ihn ließ es die Solisten, die vorn auf ihren Stühlen saßen, aufstehen und singen mit dem Ganzen ihrer erlernten Kunst, ließ es die Chöre zu einem metallenen Gusse zusammenschmelzen, der aus jeder Kehle gespeist wurde, ließ es die Geigen saugend singen und die Bässe tönen, tief und gesägt, und wirbelte die Hörenden, all die ungezählten Einzelnen, in eine tief horchende, in Reihen geordnete und namenlose Menge. Vor ihr erbaute sich die Matthäuspassion; eben ging der erste Teil zu Ende.
Walter Rohme und Claudia saßen unter ihnen, auf Stühlen, die in einem Gange standen, außer der Reihe, denn sie waren zufällig und spät hierhergeraten und fremd in fremder Stadt; aber sie unterlagen dem gleichen Banne. Claudias Kinn war auf die Brust geneigt, die sich unter schillernder Seide langsam hob, grün und blau zerrinnend wie eines Pfauen Brust; ihre Hände ruhten zusammengelegt im Schoße, und die Wimpern der fest geschlossenen Augen breiteten sich auf der Haut der Wangen wie elfische Fächer. Walters Ellbogen stützte sich auf den Schenkel, und das Gesicht des Gebeugten lag in der flach gerundeten Hand. So saß er und lauschte. Sein Wesen war vom Hören schwer wie Metall und ganz an das Werk weggegeben. Das letzte Gefühl seiner bewußten Person war jenes erlösende Danken gewesen, das er empfand, als Claudia bei den Einsetzungsworten des Abendmahls endlich ihre unfruchtbare kritische Haltung aufgegeben hatte und die Musik einfach hinnahm, tief in sich geschmiegt, wie sie noch jetzt schien. Seither hatte er nichts Deutliches mehr gedacht. Hin und wieder tauchten Gesichte auf und zergingen, Bilder, die aus dem Inhalt des Werkes erwuchsen; als der Evangelist vom Ölberg erzählte, lag auf einen Augenblick in Finsternis und unter rauschenden Bäumen ein Mensch auf der Erde, hingeworfen wie ein weißlicher Sack, und krümmte sich vor dem Schicksal, und seine Helfer schliefen und hörten nicht auf zu schlafen. Auch sprach es in ihm einmal den Namen Klaus Manths mit einem tief verächtlichen Ausdruck, und als beim letzten Nachtmahl die Stimme des Sängers und der schwebende Gesang der Geigen zu einer unbegreiflichen Einheit und unirdischen Herrlichkeit zusammenbrannte, hatten seine Lippen den Namen des Meisters geflüstert: »Bach, o Bach!« weil er das Glück nicht ertragen konnte. Aber sonst war der Mensch, der erzählte Vorgang und die Musik im lodernden Erleben zu einem formlosen Ding eingeschmolzen. Es war sein Geschick, dem all das Klingen vorne galt, und er selbst war darein verflochten und nicht verwandelter als in einem Traum. Er hatte die unvergängliche Schwermut gefühlt, mit der diese Worte gesprochen wurden: »Wahrlich, ich sage euch, einer unter euch wird mich verraten,« und sogleich war er vertauscht in einen derer, die in Verstörung fragten: »Herr, bin ich's?« und einer der ratlosesten, entsetzt, daß in ihm vielleicht dennoch ein Dämon hauste, der den Geliebten verriet – denselben, um den seine Seele vor Erbarmen schauderte, als er klagend ausrief: »Ach wollt ihr nun schlafen und ruhen? … Siehe, er ist da, der mich verrät.« Dann hielt ihm die Angst den Atem an, wie der Jünger den Meister küßte, und jener, der alles Zukünftige von Anfang schaute, ihn traurig fragte: »Mein Freund, warum bist du kommen?« und auch von dieser geisterhaften Gelassenheit und Güte eines schon Abgeschiedenen zu wissen war ihm gewährt, nach dem Grauen der Verzweiflung von Gethsemane. Er hatte sein Ich im Zauber der Klänge, die durch alle Poren in ihn eindrangen, ausgestreut wie in Wind und erntete dafür die beengende Seligkeit, in der er dumpf ruhte. Alles, was er fühlte, jeder Augenblick der Stunde war mit schwer tropfendem Glück getränkt, das wie Honig duftete – wäre er je dafür offen gewesen, wenn nicht Claudia neben ihm gesessen hätte, unter all den fremden Leuten? Einmal, als vorhin in Gethsemane die Stimme des ganz einsam Leidenden seinem Herzen allzu nahetrat, wandte er einen hilflos greifenden Blick beiseite, völlig ohne es zu merken, und verspürte tiefe Beruhigung, als er die ganz in sich versenkte Frau reglos neben sich gewahrte. Getragen vom Wissen um die Verbundenheit mit ihr und um die Gemeinsamkeit dieses Fluges hatte er sich glücklich lachend in das Werk geworfen wie ein Habicht in den Wind, der ihm unter den Flügeln steht, und die brausendsten Fittiche sollten sie beide hineintragen, miteinander und einander grüßend, zum ersten Male als Mann und Frau in die Erhabenheit der letzten Größe und Kunst.
Musik band ihn ganz – hatte er doch das Glas abgelegt, um nur zu hören – und so entging ihm, daß er sich täuschte. Claudia war nicht in Lauschen versunken, sondern in Schlaf; sie schlummerte inmitten allen lauten und bewegten Singens wie ein Schiffsjunge im Mastkorb wenn es stürmt. An ihr rächte sich die Anstrengung des Tages. Trotz mehrerer Reisestunden folgten die Heimkehrenden einem froh aufspringenden Verlangen, die Matthäuspassion zu hören, die nach Aussagen Mitreisender am Abend in einer der nächsten Städte aufgeführt wurde. Sie stiegen aus, ließen ihren Zug unbekümmert weiterfahren und verwanderten die beiden freien Stunden in dem alten Städtchen, übermütig in ihrer Fremdheit und Ungebundenheit und spitzbübisch entzückt von dem Abenteuer, das sie sich bereiteten. Aber kaum in dem warmen Saale und unter allzu vielen Menschen, fiel Claudia so jäh in Müdigkeit, daß nicht einmal der starke Kaffee, den sie getrunken hatten, den Schlaf vertrieb; zumal sie noch mancherlei besondere Gründe hatte, sich schwer zu fühlen. So hatte sie anfangs ohne jede Freude vor der Aufführung gesessen, hatte kritisch und kundig alle ihre Unvollkommenheiten ausgespürt – fehlte doch selbst die Orgel im alten Saale, während drei oder vier alte Kirchen wundervollen Raum und sicherlich große Orgeln boten! – war endlich eingeschlafen und schlief noch. So hatte sie geruht und hastig fliehende Träume gehabt, während um sie Choräle gesungen wurden, in denen eine ganze Gemeinde ihre Sünden büßte oder sich dem Heiland weihte, während Arien von Frauenstimmen klangen, begleitet von zwei Flöten, zwei Oboen oder Geigen, gleich und verschieden wie die nebeneinander ausgestreckten Arme eines Mädchens, daß sie sang, und so kunstvoll und rein wie alte kristallene Becher; Frauenstimmen hatten sich vermählt, Männerstimmen sie getrennt; der Heiland sagte mild und wie fernglänzend seine Worte, und Chöre waren darauf erschallt, denen, wie dem letzten, der strenge Kanon von acht verschobenen oder gemeinsam brausenden Stimmen eine Größe und Wucht verlieh, die sich nur mit Worten von Psalmen sagen läßt. Selbst als die stille Stimme des Evangelisten nach der lauten Erregung zu berichten fortfuhr, mit maßvoller Melodik in epischer Schlichtheit, wie der gefangene Jesus dem schwertfrohen Jünger wehrte, regte sie nur leise die eine Hand und erwachte nicht.
Und der Herr redete. Walter Rohme hob den Kopf, atmete tief und trank die Stimme des Sängers, aus dem der Heiland sprach. Sie war mild und süß und hatte einen Ton von unbefleckbarer Hoheit und Reinheit, als käme sie von weit her, wo Menschen ihr nichts mehr antun konnten. Er genoß sie mit inbrünstigem Entzücken; im zweiten Teil würde sie wenig mehr erklingen, sie und die langgedehnten hellen Harmonien, die sie umgaben, so unbeweglich und leuchtend, wie ein Heiligenschein um den Kopf seines Trägers schwebt. Er wünschte dringlich, daß der Herr die Legionen Engel riefe, von denen er sprach, denn es war schwer erträglich, so viel Güte und Adel in den Händen eines Volkes zu wissen, das nach Kreuzen schreien würde … Und er begriff, daß die Jünger flohen vor dieser nicht mehr menschlichen Fremdheit gegen eigenes Leid … Die Stimme schwieg und der Evangelist; und die spielenden und dennoch leidvollen Seufzer von Oboe und Flöte stiegen auf, die den Schlußchoral des ersten Teiles einleiteten. Er hörte, wie sie nebeneinander in kleinen Schritten aufstiegen, jäh um ganze Oktaven fielen und von neuem beginnen mußten, um jäh zu fallen oder mählich abzusteigen mit kurzem Hinundher und Trillern auf manchem Ton; dann begann der Sopran langsam den altertümlichen Choral, in langen gleichen Noten einer Melodie, die sich kaum hob und senkte: »O Mensch, bewein' dein' Sünde groß« … Walter Rohme war vom genauen Studieren des Werkes damit vertraut und hörte den Anfang mit Genuß, aber die tiefe Befangenheit und Verzauberung war verschwunden. Die rauhe und simple Theologie des Textes hallte in ihm nicht wider, wenn er auch die alten Zeilen und ihr barsches Deutsch sehr liebte: »den'n Toten er das Leben gab und legt dabei all Krankheit ab bis sich die Zeit herdrange …« Die drei anderen Stimmen drängten sich ineinander und spielten beweglich und ernst um den langsamen Sopran und seine von der Last der Sünden schweren Schritte. Vor allem aber war das Ende zu fürchten. Nach dem letzten Tone würde der Beifall losbrechen, ein wohlverdienter Beifall zweifellos, der aber alles Zarte und Nachhallende, die schwebende und undeutliche Süßigkeit der ersten Minuten nach dem Werk ohne Gnade zerschlug – das Feinste des Genusses und das Ehrfürchtigste der Stimmung. Walter Rohme haßte ihn sehr; er litt körperlich unter dem tierischen Knallen der aufeinandergeschlagenen Bürgerhände. Welchen Tumult würde man nachher feiern! und das zu Ertragende näherte sich jeden Augenblick:
»daß er für uns geopfert würd,
trüg unsrer Sünden schwere Bürd« …
Widerwärtig, daß der süßtönende Reichtum von Verschiebungen der Rhythmen, von Harmonien, die sich flüchtig berührten, schnitten und durchdrangen, von kontrapunktischem Gegenströmen und Ineinanderfließen ungenossen bleiben mußte! Doch je näher der Choral dem Ende zustrebte, desto quälender ward die Angst. Seine Seele krümmte sich frierend ein: der tobende Lärm würde sie wie Hagel treffen. Er wünschte inständig, was jetzt gesungen wurde, möge nicht die vorletzte Zeile sein. Aber köstlich und unabwendbar schloß sich die letzte an: »wohl an dem Kreuze lange.« Der Dirigent nahm den Stab zu den hingedehnten Noten des Schlusses hoch: der Sopran hielt mit schwellendem Atem den Schlußton lang, lange, während der Baß sich zu einer auf und ab steigenden Figur rüstete – dann winkte die linke Hand, und die Stimmen schwiegen wie abgeschnitten. Walter Rohme verhielt die Luft in der Brust und machte sich stark, indem er sich von dem Gedanken an das nahe Getöse abhärten ließ; die Bläser liefen in Sechzehnteln aufwärts, setzten noch einmal tief ein, stiegen schräg auf in den endenden Akkord – und der Dirigent ließ Stab und Hand müde fallen.
Ein Augenblick lautlosen Schweigens trat ein.
»Jetzt,« sagte Walter Rohme zitternd.
Die Leute erhoben sich und verließen stumm den Saal. Sie gaben sich Mühe, geräuschlos zu gehen.