Er begriff erst nicht; dann wurden seine Augen rund in fassungsloser Überraschung, die wie ein stürmisches Glück in ihm aufsprang, und ein Schauer von Erlösung erkältete ihn, während sein Herz hart pochte. Sie kannten Ehrfurcht. Ihre erhobenen Seelen wollten schwer und schwebend entrückt bleiben. Ihr Gefühl verbot ihnen die billige Erleichterung, mit der sie sonst jede Erhebung in Geräusch umsetzten. Sie fühlten edler und zarter als er gedacht hatte. Und er bat sie inbrünstig um Verzeihung wie für eine Kränkung. Man strebte stumm nach den Türen; in allen Augen hing noch der Glanz des klingenden Traumes und schloß alle Lippen. Nur vom Gerüst des Chores herab schallte das unbekümmerte Schwatzen abgehärteter Sängerinnen, und die vielen Schritte der Ermüdeten dröhnten auf dem hohlen Holze. Walter verzieh auch ihnen. Er fühlte sich wie jung vor Dankbarkeit gegen all diese Unbekannten, daß sie sich gutgesittet zeigten, vor dem großen Werke sich beherrschten, und wandte sich stürmisch zu Claudia, damit sie seine Freude teilte. Sie saß noch immer reglos wie vorhin. Um sie her stand alles auf und begann halblaut zu reden, eine Frau drehte sich um und streifte ihre Schulter mit der Robe. Darauf bewegte sie leicht den Kopf und die eine Hand; von einem brüsken Verdachte geschleudert warf er sich vorwärts, ihr ins Gesicht zu blicken – und in dem Augenblicke ihres Erwachens merkte er, daß sie geschlafen hatte. Er empfing einen Hieb quer übers Herz. Er richtete sich auf, er lächelte noch, aber starr und mit leerer Miene, aus der Sinn und Leben entwichen war. Sie hatte geschlafen. Sie hatte die ganze Zeit geschlafen. Während er sie an seiner Seite spürte, glücklich, weil sie sein Glück teilte, flog ihre Seele abseits und lautlos umher, fledermausbeschwingt, taumelte durch dunkle Atmosphären und vermummte sich in Gestalten von Träumen. Und doch war ihre Freude, neben ihm diese Musik zu hören, ein Versprechen gewesen. Sie hatte es nicht gehalten – sollte er nicht unglücklich sein über diesen Betrug und entdeckten Verrat? Aber er war es; Trauer erfüllte ihn, die schon beschattet war von noch fernem Zorn. Er wußte nicht, was in ihm, von dieser Überraschung verletzt, nun litt: Leid um die aufgehobene Gemeinsamkeit, nach der seine Liebe strebte, aber auch Eitelkeit des Mannes, dessen Botmäßigkeit jemand unversehens entschlüpfte, Enttäuschung, als hätte er sie überschätzt – und auch hierin der Stachel: du konntest überschätzen! und vor allem die Pedanterie, die ihm sagte: man hört in Konzerten zu und schläft im Bette … er überließ sich seinem Gefühl mit gutem Gewissen, wies es ganz seiner Liebe zu und saß ohne Fassung, ohnmächtig sich zu erheben oder sie ganz zu wecken, fühlte sein Herz bitter schlagen und blickte vor sich hin. Sie hatte diese Stunde Seligkeit dumpfschlafend verwehen lassen … Sie öffnete die Augen, blinzelte vor dem Licht, lächelte wie ein müdes Kind und sagte mit hellem verwunderten Stimmchen: »Ich habe geschlafen!« Er antwortete nicht und besah den Fußboden. Sie entdeckte, daß die Leute hinausgingen und schrak auf: »Es ist doch nicht schon aus?« Sie zog schnell die kleine Uhr: »Nein,« antwortete sie sich; »der erste Teil.« Und dann strengte sie sich an, ein Gähnen zu verstecken.

»Allerdings,« sagte er mit abwesender Stimme, »du hast geschlafen.« Darauf hob er endlich die Augen und erschrak über ihr von Müdigkeit zerstörtes Gesicht: es schien ganz verfallen, gelblich und farblos, und um die Augen wanden sich tiefe braune Schatten. Er begriff erbleichend, daß sie nicht hierbleiben durfte; die Erkenntnis hob sich zwar erst in äußere Schichten seines Wissens, drang aber unabweislich mit jedem Herzschlag tiefer in ihn ein. Er wußte: wenn sie nicht verlangte wegzugehen, mußte er sie dazu auffordern; so befahl seine klar dastehende Pflicht.

»Ich wurde plötzlich müde, Liebster,« sagte sie mit schuldigem Gesicht, »ich bin's noch immer; das ist doch erst die Pause, nicht wahr?«

Er überhörte die Hoffnung in ihrer Stimme nicht, das Gegenteil zu vernehmen, auch bemerkte er flüchtig, wie rührend ihre Haltung eigentlich sei, aber jetzt schüttelte und verhärtete ihn der jäh genahte Zorn. Er mußte den zweiten, den schönsten Teil der Passion opfern, der die gewaltigen Chöre und seine liebsten Arien enthielt, mußte alle Erwartung, alle Erhobenheit und Entzückung glatt streichen und weggehen, weil sie schlafen mußte. Er grollte ihr dafür und gab sich diesem Grolle rücksichtslos hin, kaum daß er versuchte, ihn nicht in den Ton fließen zu lassen, mit dem er aufstehend sagte: »Für uns ist's der Schluß.« Und nach einer winzigen Pause – es wurde ihm gar zu schwer: »Du mußt zu Bett.« Das war gesagt. Nun würde sie sich sträuben, und auch das durfte er nicht gelten lassen. Sie tat es: »Aber du? Nein, bleiben wir. Ich verderbe dir den Abend.« Da konnte er sich nicht enthalten zu erwidern – und er war nicht stark genug, einen freundlicheren Klang zu erzwingen: »Glaubst du, daß ich zu irgendeinem Genusse komme, wenn du dich nebenan quälst und einschläfst?« Er wußte, das wog als Anklage, in solchem Tone gesprochen, und wie sollte sie das nicht fühlen. Aber er bereute es nicht, noch kam er sich niedrig vor. Sie stand schweigend auf und ging gesenkten Kopfes hinter ihm hinaus. Sie wollte nicht weinen, und es gelang ihr. Er sah das nicht; ihr Schuldgefühl konnte ihn nicht versöhnen. Er war ganz bitter vor zielloser Wut; er verließ sie, drängte ohne Rücksicht, denn alle Vorräume waren voller Menschen, die sich unterhielten, zur Garderobe – irgendwie mußte er sich entladen – warf der Bedienung unfreundlich die Nummer hin und beschwerte sich in ausdrücklicher Mühsal mit den Überkleidern. Ach was, Manieren, dachte er. Sie war ihm entgegengekommen, damit er den Weg spare, nahm ihm eilig den kleinen Hut ab, schlüpfte in die lange Jacke aus Pelz und wartete, bis er angezogen war, während jedermann sie erstaunt anblickte.

Im äußersten Eingang stand ein junger Mensch ohne Hut im Gespräch mit einem Mädchen. »Jawohl,« sagte er, während er ihnen Raum gab, »aber die größten kommen erst.« Nein, Sie Esel, sagte Walter in sich zornig, für mich kommen sie nicht! Er erriet, es war von Chören die Rede oder von Arien. Und während Claudia schwer an seinem Arme ging, quer über die Straße und unter Bäumen fort, hielt er sich vor, was er alles versäumte: da waren die Chöre, in denen das Volk nach Barrabas schrie und »Kreuzige«, wie aus Urgründen des Irrsinns heraus: die Chöre des Hohns unterm Kreuz und die harten Choräle der verlassenen Gläubigen, da waren Duette von Frauenstimmen und die ergreifend leidvolle Gefaßtheit des erzählenden Evangelisten; da waren von allen anderen Arien die nach den Worten »Am Abend da es kühle war,« und jene beiden von einer Sologeige begleiteten. Er hätte sie, vom Schlafe geweckt, spielen können, die für Alt rhythmisch verschmitzt und sanft, die Baßarie heiter über die Reue des Sünders und bei aller Einfachheit viel Einsicht erfordernd … Er hörte nie oft genug ihren triumphierenden Gang: »Gebt mir meinen Jesum wieder« … Und heute stand er auf und mußte vor ihr davongehen.

Claudia schmiegte sich bittend an ihn und atmete begierig von der reinen feuchten Nachtluft, während sie noch immer unter Bäumen hingingen: »Wie wundervoll!« sagte sie, »atme doch, Walter. Ich glaube, nur die Luft war schuld da drinnen. Die vielen Menschen!« und nach einigen Schritten fügte sie hinzu: »Ich werde ganz munter, wirklich, Lieber. Wollen wir zurückgehen? Wenn wir schon Zimmer hätten, müßtest du bleiben, ich bestände darauf. Aber ich traue mich nicht allein in ein fremdes Hotel.«

Diesmal fühlte er stark, wie rührend und demütig sich ihr Wesen gab; aber was sie anbot, nahm er nicht an – außer allen anderen Gründen hätte die Wollust des opfernd Leidenden das nicht gestattet. Aber er sagte nur, und er sagte es sanft: »Und drinnen hättest du wieder die Luft und die vielen Menschen.« Sie neigte sich im Gehen vor, um ihm dankbar ins Gesicht zu lächeln und fügte sich: »Sie haben mich eigentlich gräßlich gestört und sind an allem schuld,« meinte sie nachdenklich. »Sie und … und noch anderes. Dich nicht auch?« »Nein,« antwortete er. »Was anderes?« Sie schwieg, und er fragte nicht weiter. Er hatte ihren Blick bis tief im Herzen gespürt und fühlte wieder, wie sehr er sie liebte. Er schämte sich seiner Unbeherrschtheit, schämte sich alles Grolls und selbst des Bedauerns um die verlorene Musik. Er hatte nicht einmal den Willen gehegt, diese fremden, häßlichen Gefühle gegen sie aus seiner Seele zu schaffen, gegen sie, die er zu innerst zu lieben glaubte, und hatte sich vom Ärger vergiften und erniedrigen lassen! Er hatte sie mißhandelt. Er war sich verächtlich geworden und bereute sehr. Er schuldete ihr Abbitte und noch viel mehr, er mußte irgendetwas in sich finden, das er ihr anvertraute, etwas Zartes und ihm Zugehöriges, damit er in seinem Urteil wieder ein wenig gerechtfertigter dastand. Sein ganzer Geist erglühte in Scham, Reue und Liebe; er drückte ihren Arm eng, ganz eng an seine Brust und machte vor Erregung größere Schritte. »Nicht so schnell, Lieber«, bat sie sanft.

Sie wanderten schon auf der Straße im grünen Lichte des Gases: das Pflaster war feucht von Regen und von Kote schlüpfrig; dahin deutete er jene Worte. »Gehen wir denn richtig?« fragte sie. »Ich denke, Liebling. Wir sind bald da; jetzt ganz geradeaus, und das letzte Haus auf der rechten Seite sei das Hotel. Sagte der Schutzmann nicht so?« »Ja. Ich will nicht schlafen, ich möchte nur liegen.«

Er hielt an und hob ihr beschattetes Gesicht in die Helle der Laterne: »Du siehst so müde aus, Liebste« … Zärtlichkeit drängte ihr entgegen und erstickte seine Stimme; er küßte den Handschuh über ihrer Hand und nahm ihren Arm; sie schmiegte die Schulter leise an die seine, und so gingen sie schweigend geradeaus. Er dachte nur an sie und fühlte, wie schmerzlich er sie liebte, und wie er bereute.

Sie überschritten die Hauptstraße der engen Stadt, über der rötliche Bogenlampen in langer Schnur wie aufgereihte Sönnchen schwebten und setzten ihren Weg fort. Die Töne einer leisen Drehorgel wehten ihnen plötzlich beginnend entgegen; sie spielte den Hohenfriedberger Marsch hinreichend verstimmt und näselnd, aber gar nicht widerwärtig. Walter summte mit: »Auf Ansbach-Bayreuth, nimm um deinen Degen und rüste dich zum Streit …« Der sanfte Klang gab der kriegerisch schreitenden Musik eine zierliche Farbe. Claudia lachte plötzlich: »Und vorhin hat uns die Orgel gefehlt!« Er belachte ihren Einfall befreit und selig und mit seinem ganzen Herzen, glücklich über ihre Heiterkeit, sehr glücklich: sie schien nicht mehr betrübt! Er suchte in seiner Börse, und als sie an dem Leiermann vorübergingen, der sich, ein dunkler Umriß vor Dunkelheit, sitzend ans Geländer einer kleinen Brücke lehnte, warf er ihm ein Geldstück in den Hut, das auf die andern fallend nach Silber klang. Claudia freute sich, daß er nicht kleinlich gab, sah ihn aber dennoch fragend an. »Ein Opfer,« sagte er froh, »ein Sühnopfer. Und ist der Hohenfriedberger nicht sogar Gold wert?« »Du brauchst nicht zu opfern,« lächelte nun sie, und er meinte ernsthaft: »Doch.« Sie näherten sich dem Hotel; vor der steinernen Treppe flüsterte sie hastig: »Nimm bitte zwei Zimmer, ja, Walter? Ich sage nachher, warum.« Er erstaunte: »Selbstverständlich« … Und indem eine bange Frage in ihm aufging, traten sie ein. Vielleicht war sie dennoch nicht versöhnt? Aber er hatte mit dem Portier zu verhandeln, und als er sie die Treppe hinaufbegleiten wollte, wehrte sie ab: »Bleib unten, Lieber, und iß. Nimm dir Zeit, denn ich kann dich jetzt nicht brauchen,« und sie lächelte dazu.