Walter Rohme saß noch einen Augenblick müßig im Speisezimmer; Claudia hatte sich eine Kleinigkeit in ihrem Zimmer servieren lassen. Er sog an seiner Zigarre; wenn eine der vielen Fragen, die ihn nicht verließen, einen Augenblick schwieg, vernahm er in der Stille ein Konzert von bruchstückhaften Melodien: die fröhliche Geigenstimme der Baßarie begann und brach nach einem Triller ab, der Hohenfriedeberger schob seinen Marschtakt ein, und immer wieder sang die Stimme Christi klagend und fern: Ach wollt ihr nun schlafen und ruhn? Er schmeckte den süßen Rauch mit dem Gaumen und entließ ihn durch die Nase als dampfe der Atem eines großen Tieres; aber weder die Fragen noch die Melodien vermochte er fortzublasen wie ihn. Er wußte nicht, ob Claudia etwa krank war oder ob sie ihm zürnte; er begriff nicht, wie er sich hatte so gehen lassen können, noch was in dem stummen Sich-Erheben der Menge so tiefe Wirkung auf ihn geübt hatte, daß er sie alle sah, wenn er die Augen schloß, immer nur diese lautlose Geste des Sich-Erhebens. Wenn das aber nur die Kraft des Stoffes wirkte, der biblischen und heiligen Gestalten, denen von Jugend auf Ehrfurcht geboten wurde? Und wenn dem so war, änderte das den Wert jener großen Gebärde? Und wie?

Er fand, daß er hier keine Ruhe zum Antworten habe, es gab Abendgäste, und der Kellner lief frackwedelnd hin und her: vor allem aber vibrierte in ihm die angstvolle Ungewißheit um Claudia, schrill und quälend wie eine dünne Saite. Er beschloß, oben zu Ende zu rauchen, und fragte nach der Nummer seines Zimmers: neun, im ersten Stock, und erstieg die mit grauen rotgekanteten Läufern belegte Treppe so abwesend, daß er, oben angelangt, das Bein allzuhoch hob, als sei da noch eine Stufe, und heftig aufstoßend niedersetzte. War Claudia wirklich krank oder nur zornig? Er trat in sein Zimmer; hinter den offenen Fenstern blaute tief der nächtliche Himmel; aber halb mechanisch schaltete er das Licht ein, und es fiel von der Decke wie ein weißer Block, der den Raum ganz füllte. Er musterte ihn, indem er wünschte, endlich daheim zu sein, der Gasthäuser ledig; nahe an einem Fenster stand der Tisch vor einem halbrunden Sofa, ihm gegenüber ging die Tür zu Claudia, die er hatte aufschließen lassen, und sein Bett streckte sich weiß an der dritten Wand nahe den Birnen; man sparte das Nachtlicht. Er ließ sich schwer in das Sofa sinken, welches erklang, und blinzelte dem Rauche nach, der im nun dunklen Blau verströmte. Jetzt, wo er der Geliebten ganz nahe weilte und die Antwort jeden Augenblick holen konnte, ward die gellende Saite langsam schlaff wie wenn eine Hand sie abspannte, und die Ungeduld verstummte. Er wollte ihr ein Zeichen geben: er sei nebenan, und pfiff die ersten Takte des Hohenfriedbergers; dann wartete er, daß sie ihn rufe. Die Stille sickerte ihn ein, die allenthalben schwebte wie draußen die leuchtende Farbe, die nirgends haftete und dennoch da war. Und kaum wartete er so einige Minuten und lauschte in sich, da vernahm er auch leise Antworten, erst halbklar, dann ganz verstanden: und sie lauteten so überraschend, daß er in Staunen aufstand und vor sich hinsah, und ein seltsames Glück darüber verspürte: Ehrfurcht war es und Sehnsucht …!

Claudia rief, durch die Tür gedämpft: »Walter!« Endlich! Er legte schnell die Zigarre hin. Sie lag zu Bett und lächelte ihm zu, in der Helligkeit, die das Licht in breiten Streifen einbrechend auch dort verbreitete wo es nicht hinreichte. Er zog einen Stuhl heran und saß, halb über ihr Gesicht gebeugt und besorgt blickend. »Du rauchst,« sagte sie, »und ich störe dich.« Die innigste Zärtlichkeit stieg auf: »Bist du noch böse, kleines Mädchen? Ich war sehr unartig, es ist wahr« …

»Aber ich verdarb dir den Abend! Du hattest Recht auf Wut. Und schließlich hast du mich ja nicht geprügelt« … Er neigte sich über ihren Kopf, sie lag verhüllt bis ans Kinn, und küßte die lachenden Lippen und die Augen, die ihn grüßten. Nein, das klang nicht nach Groll, sie hatte ihm verziehen, diese Gütige, und blickte ihn klaren Herzens an: welches Glück! und ihre Stimme klang weder müde noch krank …

»Gib mir die Hände,« bat er, »ich muß sie ohne Handschuh küssen.«

»Laß, sie fühlen sich schlecht an.«

»Unwohl, Liebling?« fragte er sofort. »Bist du etwa krank?«

»Krank? bewahre; nicht einmal mehr müde. Ich will nur liegen.« Sie sah im Halbdunkel, wie er ratlos die Arme hob, lachte ganz übermütig und rief: »Oh Walter, nun hast du eine Frau, und man merkt, du hattest keine Schwester.« Endlich begriff er; es traf ihn wie ein leichter Schlag, und dann dankte er, daß es dunkel war, denn er errötete bis in die Stirn. Er bewunderte sie; wie ganz und frei sie war, und wie einfach sie heimlichen Dingen jede Schwere nehmen konnte! Er küßte behutsam ihre Stirn. Er wollte ihr seine Entdeckung sagen, damit auch er vor ihr nichts verberge; wenn es stimmte, daß der Mann seine Seele so schamhaft behütete wie die Frau ihren Leib, so gab er gleiches für gleiches; aber er gab es schwerer.

»Dann kann ich also noch bleiben und zu dir reden?«

»Ich bitte dich darum. Es ist so langweilig, gleich zu schlafen. Vorhin habe ich lauter dumme Sachen geträumt, du weißt schon wann. Eine fällt mir ein, die ganz besonders weise ist: du legtest einen kleinen schwarzen Birnenkern in die Kiste, wo ich meine Puppen aufbewahrte und wolltest zaubern, zähltest dreimal bis drei, und wie Mama die Kiste aufmachte, lag eine große Birne drinnen, und ich klatschte in die Hände.« Er lächelte, aber nur leer, weil er schon mit seinem Erlebnis beschäftigt war: »Ist das kein netter Traum? Übrigens – ich blieb dir vorhin eine Antwort schuldig, oder gab sie nur flüchtig, das heißt falsch. Du fragtest, ob mich die Leute nicht gestört hätten; erinnerst du dich? und ich sagte nein.«