Der fast befangene Ton, in dem er sprach, machte, daß sie ihn erwartungsvoll ansah: »Ich erinnere mich, es war noch vor der Laterne. Nun?«
Er stand auf und begann hin und her zu gehen; wenn er die Lichtbahn durchschritt, glänzte sein Haar rötlich, und sein Schattenriß mit dem dicken Schnurrbart schnitt sich scharf in die weiße Helle. Er sagte zögernd und halblaut: »Nein, sie störten mich nicht nur nicht; sondern in einem bestimmten Augenblick erhöhten sie sogar mein Erlebnis. Das war, als sie so still aufstanden und ohne Applaus hinausgingen. Da fühlte ich irgendeine tiefe Gemeinschaft mit diesen fremden Leuten. Oder besser, ich sehnte mich, eine tiefe Gemeinschaft mit ihnen zu haben; so etwa. Ich hatte Ehrfurcht vor ihnen, weißt du.« Ob sie durch die tastenden Worte das Gemeinte zu fassen vermochte? Was würde sie entgegnen? Sie schwieg einen Augenblick lang, dann kam es staunend: »Du scherzest nicht, das ist klar. Du sehntest dich? Du hattest Ehrfurcht vor diesen Menschen und ihrer mangelhaften Aufführung?«
Sie verstand nichts.
»Du verstehst mich nicht,« meinte er tief atmend. »Ich sehnte mich nicht gerade nach diesen Leuten, sondern nach Leuten überhaupt, nach dem Volk, kann man sagen. Die Aufführung war mangelhaft, ganz sicher. Aber war sie nicht auch rührend, in dem kahlen Saale? So wie Kinder oder Bauern Gott loben, in einem Hofe oder einer leeren Dorfkirche? Aber ich meinte gar nicht die Aufführung oder dergleichen. Ich könnte auch sagen: ich hatte Ehrfurcht vor Gott, oder eher, sehnte mich vor ihm Ehrfurcht zu haben, ihn zu fühlen wie diese da. Weißt du, was ich meine?«
Vielleicht war es ganz aussichtslos, sich verständlich zu machen? Ihn befiehl eine körperliche Angst davor. Wenn sie ihn auch hier allein ließ?
»Du drückst dich allzu sibyllinisch aus. Ich glaube, ich weiß jetzt, was du meinst. Aber wie es zu dir kommt, und gerade heute, das ist mir, ich gestehe, schleierhaft.« Er versuchte es noch einmal – weil der Mensch ein hoffendes Tier war.
»Wenn es klar zu sagen wäre, wäre es dir auch leichter zu empfinden. Ich will es erst negativ abgrenzen: ich sehne mich natürlich nicht nach ihrer Art zu fühlen oder nach ihrem Glück und Leben, ich danke nicht ab. Aber wiederum sind sie in einer Schicht reicher als ich, und davor habe ich Ehrfurcht. Sie sind miteinander in einem gewissen Gefühl verbunden, in dem Gefühl zu Gott; und darin wachsen sie zu einem Wesen zusammen mit einem Pulse. Diese ganze gemeinsame Erlebnisquelle ist uns verschlossen, die wir immer einer sind und bestenfalls zwei – wie wir beide.« Er zögerte vor den letzten Worten, denn sie logen jetzt. »Ein Mann, siehst du, erhält sein letztes Leben erst dadurch, daß er mit einem Volke fühlt, wie ihr Frauen erst, wenn ihr mit einem Kinde fühlt. Das geht vielen von uns ab, und darum sind wir ärmer. Das Gegenteil davon, so kam mir vor, machte alle diese Menschen still aufstehen, ohne den gewohnten Lärm. Als Einzelne sind sie vielleicht öde Bürger, zusammen aber handelten sie vornehm, als Gemeinde, als Volk. Und nun habe ich dir gepredigt und dich müde gemacht.« Er fühlte, noch nicht am Ende, schon die Unmöglichkeit eines Widerhalls, und alsbald lehnte sie kopfschüttelnd ab:
»Politik, soviel ich verstehe. Ich habe das alles nicht in mir. Müde? Es geht. Ich werde sehen, daß ich schlafe. Wir fahren doch morgen früh?«
»Gegen elf. Gute Nacht, Liebling, schlaf wohl.« Er trat an ihr Bett und neigte sich, sie zu küssen. Sie holte die Arme hervor, schlang sie um seinen Hals und hielt ihn eine Weile auf ihren Lippen fest. Dann ließ sie ihn halb frei und sagte, dicht an seinem Gesicht: »Wir sind heute nicht ganz beieinander, wie? Aber ich lerne schon noch. Gute Nacht;« küßte ihn nochmals und ließ ihn von sich.