Er strich über ihre Stirn und ging.

Auf seinem Tische fand er die Zigarre zu zwei Dritteln unverbrannt; er entzündete sie und prüfte sich. Er fühlte eine Weite und Kühle in sich wie eine Wiese nach Regen, dabei aber weder sehr betrübt noch etwa hoffnungslos gestimmt. Nein, sie waren nicht beieinander; nun, so würden sie zu tun haben. Diese Art Ehe ist ein Anfang und noch nichts mehr, urteilte er tapfer; Gemeinsamkeit erkämpfen, hieß es, sie wurde nicht geschenkt. Er hatte an sich zu feilen und genug Brutales noch auszumerzen, und sie würde auch Arbeit finden … Das ist ein weites Feld, sagte er sich bald heiter. Nun, man hatte Jahre vor sich, vorausgesetzt, daß man nicht bald starb. Und wie eine zuversichtlich frohe Marschmusik in diese Weise hinein klang ihm plötzlich wieder der friedericianische Marsch in die Ohren, ganz fein und leise, aber so, als spielte ihn eine große, sehr ferne Regimentsmusik: er hörte das Glockenspiel klingen, die Trommeln tobten kriegerisch, und am Ton der Trompeten hörte man, daß sie in der Sonne blitzten …

Von einer fernen Kirche schwebten runde Töne herüber: er zählte, die Uhr schlug neun. Er wunderte sich, daß es noch so früh war, aber das Konzert hatte um halb sieben begonnen, es stimmte. Andere Uhren antworteten, er trat ans Fenster, sie zu hören, und sah die Sterne im tiefen Blau des Märzabends; schon hob sich Orions funkelnde Gestalt aus dem letzten Licht. Es wird alles gehen, dachte er aufatmend, hilf mir. Seine Augen hingen lange an dem großen Gestirn. Er fühlte sich wach und nach Tätigkeit verlangend; es gab viele Gedanken festzuhalten, zu ordnen und dann zu prüfen. Er beschloß noch einen nötigen Brief abzufassen und verließ das Fenster. Aber zum Schreiben genügte die Lampe an der Decke nicht. Nach kurzem Zögern ging er hinaus und kam bald mit Briefpapier und mit einer golden brennenden Petroleumlampe zurück, mit einem Bassin aus grünem Glase und einer weißen Glocke, die im Tragen leise klirrte. Als er das elektrische Licht löschte, blieb ein warmer Kreis um den Tisch hell, und das fremde Zimmer zog sich zurück.

Er saß auf dem Sofa und schrieb, wann sie heimkämen, an den Verwalter des Eggelingschen Hauses – Claudias Mutter reiste mit Sirmisch und Kalderns, nachdem sie die Umänderungen angegeben hatte, die darin vorzunehmen waren – und daß er die Arbeiten beschleunigen solle. Ohnedies blieb soviel als möglich unverändert; ein neues Arbeitszimmer kam dazu und die Schlafzimmer … Der Zigarrenrauch schickte bläuliche Fäden in die Höhe, die sich zu Bändern verbreiterten. Sie hielten etliche große Stechmücken ab, die von einem nahen Wasser dem Scheine nachgingen.

Aber er war froh, als er den Halter weglegen und nachdenklich leer auf das weiße Blatt schauen durfte. Das unzugängliche Geheimnis schwang ihm im Sinne, das sich in der schlafenden Frau da drüben vollzog; und die Stirn auf die Hand gelehnt, mit ehrfürchtig schlagendem Herzen sann er ihm nach. Sie empfand nicht mehr, wie fremdartig pflanzenhaft und entrückt sie dadurch wurde, denn ihr war eine Gewohnheit, was ihn scheu und ernst stocken ließ. Hier war ihm eine heilige Grenze gesetzt, die er ehrte.

Sein Blick haftete auf dem grünen Glasbassin der Lampe, erst abwesend, dann aufmerksamer; einige Mücken lagen darauf. Der Tanz um den heißen Brenner hatte sie betäubt dorthin geworfen, aber sie konnten, obwohl unversehrt, nicht mehr aufstehen. Die ganz winzige Schicht Öl, die sich beim Füllen darüber ausbreitete, genügte, um ihre zarten Organe zu durchtränken. Eine klebte tot mit dem Kopfe darauf, eine andere zitterte wie trunken auf den Füßen; eine dritte aber, die rücklings gefallen war, haftete mit beiden schmalen Flügeln ausgebreitet auf dem gefetteten Glase. Ihr schlanker Leib krümmte sich in fruchtlosem Mühen aus und ein – vielleicht litt sie wenig Schmerz, aber der Anblick ihres schlagenden Körpers hatte den Ausdruck grausamer Qual. Und mit einem durchzuckenden Schreck erkannte Walter Rohme: hier krümmte sich ein Wesen am Kreuz. Der Anblick war ganz unerträglich, und mit zitternden Fingern entfernte er sie mit einem Streichholz und tötete sie. Er wußte nicht, ob er Gott lästerte oder ihm diente. Er löschte die Lampe und ging zu Bett, noch lange wach und von vielen huschenden Einfällen bestürmt, zwischen deren bruchstückhaftem Lautwerden schwarze Pausen zum Besinnen Zeit schufen: ein ununterbrochenes Auseinander dieser ganze Abend … Sie schläft und er genießt – er zürnt ihr während sie bereut; sie fühlt nicht mit seinem Erlebnis – und er errät nicht, kann nicht erraten, was sie ermüdet, entfremdet: der weibliche Leib, der an eine andere Welt grenzt … Man war trotz allem ziemlich allein – und wenn einer alle Mücken kreuzigte, wie ungeheuer wäre das Leid der Welt vermehrt … Das verständliche Denken verfiel in ein Vernehmen undeutlich geredeter Worte, Melodien schalteten sich ein, und im Einschlafen noch hörte er eine Stimme, mild und aus menschenferner Verlassenheit: »Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhn? … Siehe, er ist da, der mich verrät.« Nebenan lächelte Claudia im Schlummer.