Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und sie bekräftigte: »doch«.
Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem aber außer Hurtigkeit noch eine bittende Verlängerung eigen war, und wurde langsam ganz rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte ein wenig. Mit niedergeschlagenen Augen und froh daß sie Teller in den Händen hatte, brachte das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen spazieren gehen zu dürfen, es sei so schöner Vollmond draußen.
Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter Bestürzung. Es konnte unmöglich so fortgehen. Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche Fliehen vor dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen würde, wenn sie es nicht überwand? Was dem Mädchen wohl anstand – die junge Frau mußte damit fertig werden können … Er hörte sie fragen: »Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich wendend, eifriges Nicken. »Dann können Sie gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else, hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige Herr, der am Fenster stand ohne hinauszusehen – er erkannte gerade: er mußte sie zu sich hinüberziehen; Gelegenheit würde sich später finden – drehte sich um und neckte: »Sie müssen morgen zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen Sie das nicht! Marienmonat!« Was ging den das an, er war ja ein Ketzer und kannte die heilige Jungfrau gar nicht, dachte sie unmutig und geschmeichelt, wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging leise schnell hinaus.
Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf dem Sofa saß und den Nacken an die Rücklehne geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte. »James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt James und ist bei dir bedienstet.« Sie lächelte mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr herab, nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz langsam und sanft und küßte ihre Lippen, die sanft geschlossen und blaßrot die seinen erwartet hatten, da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er richtete sich endlich auf ohne die Umarmung zu lösen, hob sie so mit empor und führte sie, die dicht an ihm schritt, zu der Schiebetür in das Musikzimmer. Mit knapper Drehung löschte er hinter sich das Licht und schob die Türen auseinander. – Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke durfte er zeigen und ihr die Hände hinhalten … irgend einmal, nicht allzuspät.
»Da haben wir also den gemeldeten Mond,« sagte Claudia … Der Raum war bis in die Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte, das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses über ihnen verdeckte schon das Gestirn. Die Luft selber glomm weißlich, sanft, traumklar und berauschend, man atmete sie ein und löste die Seelen der Glücklichen sofort, wie ein stark milchiger Wein, unbekannt und beseligend. Sie standen lange auf der Schwelle, die beiden, in einem Beieinander, das inniger war als Küsse, und blickten in die lichte Nächtlichkeit des vertrauten Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn glänzte ein silberner Schein, und der warme Nachtwind bewegte langsam die Vorhänge der geöffneten Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug aus Licht geformt, und seine Decke blinkte wie der Spiegel eines Sees geschmolzener Klänge, silbern, umrissen und leicht. Blüten dufteten vom Garten herein: es war eine Nacht des Mai. Sie traten ein. Er führte die geliebte Frau vor das Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zu nehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand hin, und auf hob sich die schwarze Schwinge zum Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine schwarze Oberlippe zurücklegte; sie ließ den Ring vom Finger neben sich aufs Fenster fallen und schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich dem Lichte hold vermählte, zitternd und schwindend.
»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme unterhalb des Klingens wie Dämmerung um Licht. Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch in die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis, der duftend rauchte. »Cis-moll,« sagte der Mann endlich und atmete Rauch ein.
»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte es vorher.« Aber er schwieg einfach, und als er hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle ruhte, begann sie.
Die zartfließende Dreiteilung, auf- und abrollend, in leichter Feierlichkeit ohne Trübe, dieser köstlich wehende Schleier aus Klang, über dem die Melodie aufglänzte, wie mit silbernen Sternen darein gestickt – was war in ihn verwoben, das ein so eindringendes Glück geben konnte, ein inniges Angerührtsein nahe am Herzen? Träumen, träumen. Hingeben und sich verlieren, wohin der unbesonnte Strom der Empfindungen strudeln will. Ja, denke deiner Jugend, Walter Rohme, da es in dir so will, frage nicht, warum sie sich heute meldet, vergiß die Spur, die du von dem mordenden Schüler jenes Zeitungsblattes zum gegenwärtigen Augenblicke führen siehst … Ja, du bist es, der hier sitzt, und du bist auch jener Knabe, den der Mond über stille Wiesen hin nach dem schwarz ängstigenden Walde lockte, den er auf einer Lichtung hinwarf, und dessen Tränen er zu weißem Silber zauberte … du bist es! Damals hat dir niemand so unirdisch zugesungen wie es jetzt eine tut – und die Krämpfe deiner Seele entluden sich nicht anders als in langem Laufen, in Träumen und auf den ärmlichen vier Saiten deiner gelben Geige, die alle deine brennenden Phantasien heiser aussprechen mußte … Jetzt aber – bist du nicht jetzt erst jung? Wohin ist der häßliche Bart, der dein Gesicht alterte, wohin sind die Gruben unter deinen Augen und die hohen Kragen, die dich einengten und versteiften? Ein verjüngtes Gesicht hebt sich auf schlankem Halse aus dem niedrig umlegten Kragen, bartlos, und deine Augen blicken frei und zärtlich zu ihr hin, die dich entzauberte. Sie weiß freilich nicht, wovon sie dich erlöste, auch ahnt sie nichts von den Niederungen, aus denen du dich zu ihr erhobst – soll sie nie davon wissen? – aber höre sie: sie sendet dir ihre Töne; und was du mit den mondlichtvermählten einatmest, ist ihre ganze hingegebene fromm machende Liebe.
Sie schwieg und sah vor sich hin mit jenem Ausdruck, der ihr ganzes Gesicht veränderte und es entlehnt scheinen ließ in einer Welt, die ihre Augen noch schauten, dort, jenseits der Mauern. Walter Rohme liebkoste sie mit Blicken wie mit langen Wimpern, deren Bewegung auch er selbst beglückt fühlte: da erklang, wie dicht an seinem Ohre gespielt, aber doch nur in seinem Innern, ein Stückchen Geigenmusik, ein schüchternes Thema von leichtfüßiger Melancholie: nach einer Stufe ebene Schritte, kleine Sprünge und ein hüpfend sanftes Auf und Ab – fast nichts. Klavierklänge vorher … aber als er sich der Erscheinung zuwandte, war sie sogleich wie nicht gewesen. Eine leichte Verwirrung entstand, dauerte und mündete in die Frage: woher kam diese phantastisch deutliche Musik? Es antwortete nach einer Pause: aus den jungen Tagen, als du gerade spielen konntest: rate; Haydn? Mozart? mußte es nicht Mozart sein?