Und plötzlich, als bedeute diese kurze Stille ein Ende, und nicht nur die Vorbereitung des andante, erhob er sich unter einem inneren Befehl. Er ging leise zum Notenschrank und öffnete ihn, dann nahm er den Geigenkasten herab, der oben lag. Claudia sah ihm schweigend, staunend zu. Offenbar will er geigen; er war heute also im Hören nicht stark. Hätte er nicht doch das Ende der Sonate erwarten sollen? Sie fühlte sich eher geneigt, allein zu spielen und nur aus sich zu schöpfen und zu strömen; die Noten würden sie nicht wenig beengen … aber da er wollte – – Sein Betragen war ungewöhnlich und hatte sicher ein starkes Motiv – was trieb ihn nur? Er kniete vor dem offenen Schrank und las, mit einem Streichholz leuchtend, in der Tafel, die seinen Inhalt angab; sie saß ruhig in ihrem Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet, und betrachtete in wortlosem Warten, wie er die Kerzen zweier breitfüßiger Leuchter entzündete, von denen jeder zwei auf ausgebreiteten Armen über seinen kurzen Rumpf erhob; die Flammen glichen Lanzenspitzen und scheuchten die Dunkelheit in die Ecken des Raumes; und als er sie vorn auf den Flügel stellte, wich die Nacht vom Fenster zurück. Ehe er die Decke des Instrumentes herabließ, streichelte er rasch einmal ihren Scheitel; dann holte er die Geige und das grüne Heft. Sie war neugierig, seine Wahl zu wissen. Würde es Brahms sein oder Bach?
»Schubert,« las sie halblaut und verwundert, »Sonatinen, opus 137?«
»Willst du, Liebling? Mich überfiel da plötzlich eine Erinnerung: wie stark, siehst du an meiner Ungezogenheit. Das ist hier die erste Sonate, die ich als Junge spielte; sie ist freilich ganz leicht und du langweilst dich am Ende dabei. Aber das will heute gespielt werden … ich hatte es allzulange vergessen …« Du Gütiger, dachte sie glücklich und gab ihm statt aller Antwort den Grundton und die Quinten an; er stimmte, und die sanften lauten Doppelstimmen klangen im Flackern der Kerzen.
»Ich finge eigentlich gern mit dem zweiten Satze an,« sagte er, die Geige schon unterm Kinn; »aber mein Gewissen …«
»Dein Gewissen hat sehr recht.«
»Obwohl mich nur das andante besucht hat?« … Der Bogen hing schräg herab, mit der Spitze in den Teppich gebohrt.
»Und wenn das Kind noch netter bittet und das Stimmchen oben schweben läßt: erst das allegro, und das andante als Belohnung.«
»Welche Mutter! Ich wünsche unsern Kindern Glück …«
»Still! hast du Mamas Brief gelesen?«
»Vorhin. Ich bin froh, daß sie sich mit Kalderns wohlfühlt, und daß Sirmisch bei ihr ist. Ich habe ihr gegenüber das schlechteste Gewissen von der Welt. Erst entführe ich dich, und dann überläßt sie uns das ganze Haus und reist, die alte Dame.«