»Welch ein Gewissen, das deine! Ich gestehe – nun, du warst nicht zehn Jahre lang mit ihr allein … Ich brächte übrigens zum Plaudern nicht nur die Geige in Spiellage, sondern auch den Bogen …«

Er lachte und setzte ihn an: »Also?« Und sie begannen: ein freundlich auf und ab eilendes Motiv, einstimmig hingestellt, ein Motiv wie eine kleine Welle, frisch, grün und ganz klar; dann kräuselte sich die Oberstimme des Klaviers zu spielenden Schaumketten, die Unterstimme verspätete das Thema um einen Takt – und im Vorwärtsdringen der Geige, mit Veränderung, Wiederholung und Tausch der Führung baute sich der Satz auf, ganz einfach in den Mitteln, ganz schlicht in der Ordnung, aber von einer Klarheit und verjüngenden Bewegtheit, daß Claudias Lippen von einem leisen Lächeln getrennt wurden, und ihre weiten schwarzen Augen, die die Kerzenflammen gespiegelt enthielten, sanft glänzend und erfreut am Blatte hingen. Sie hatte das noch nie gespielt.

Walter Rohme dagegen fühlte seine Aufmerksamkeit beständig abirren und spielte endlich in traumgleichem Abseits von sich. Er beobachtete die sonderbaren Erscheinungen dieser Wiedergabe nach so langem Vergessen: da wußte er noch das Ganze auswendig, Noten, Pausen, Betonungen! Er sah einem Andern zu, der für ihn spielte, einem Ich, das die Form eines Knaben mit glücklichen Augen über mageren Backen annahm, sowie er die Augen schloß; er vermerkte die Muskelgefühle des Bogenführens, die gestreckte Geradheit des Arms von der Schulter zur Fingerspitze, wenn der Bogen herabging … das allmähliche Sich-Einkrümmen beim Aufstrich wie die Kolbengelenke eines Dynamos … das präzise Auffallen und rasche Hinaufschlüpfen der Finger über den Geigenhals – diese ganze geübte und zweckvolle Mechanik, die während seiner Abwesenheit einer lenkte und bewußt machte, der auch Er war, nur nicht sein innerster Kern – jetzt summte er ein Stückchen den Rhythmus mit, und »cis« rief Claudia, während sie einen Lauf in Sechszehnteln auffliegen ließ, »cis! du spielst schon zum zweiten Male c

Er erschrak, brach ab und lachte befangen. »Diesen Fehler habe ich als Junge eingeübt, er kommt wieder mit.«

»Dein Strich hat keine Seele heute, scheint mir; bist du müde, Lieber?«

»Ach nein; nur abwesend. Dahinten, ganz vorne vielmehr, bei dem kleinen Rohme. Aber laß nur, beim zweiten Satze …« »Ich bestehe trotzdem auf dem Schluß des ersten. Bitte noch einmal die drei Halben vor dem Lauf. Ich finde es entzückend.« Er begann gehorsam, und während sie den Satz zu Ende führten, wunderte er sich im Herzen über die Leichtigkeit dieser Musik … Ja, der kleine Walter hatte Fehler eingeübt, für ihn war das eine Eroberung gewesen, eine schwere … War er ihr nicht schuldig, von alledem zu reden, was mit den Klängen auferstand? … Da wäre schon die Gelegenheit? – Gefährlich! rief es ihm zu, zu nahe an dir, an ihr … Sie schlossen.

Er trat zum Fenster und beugte sich hinaus: welcher Friede! Auf jedem Blatte stand mit Mondschein geschrieben »Glück der Gegenwart«. Die Dankbarkeit, mit der er vom Winde atmete, der seine Haare bewegte, hob seine Brust und breitete in ihm Arme aus, umfangende. Oh Glück der Gegenwart, errungen nach sehr ätzenden Erschütterungen, verdient nach dem Sieg über die Jugend, über diese Zeit der zerfressenden Qualen! … Er wandte sich, im innersten Ring seines Wesens aufgeregt, und bettete sein Gesicht küssend in Claudias Haar, das wie Nachtblumen duftete. Blüte meines Glücks, sagte er in sich mit Zärtlichkeit, die in ihrer Fülle starb, Blüte du meines Glücks … oh Claudia … die Tränen waren ihm nahe. Sie bewegte den Kopf nicht, sie ließ die Liebkosung glücklich über sich hinrieseln; erst als er sich aufrichtete, wandte sie das Antlitz seitwärts und sagte ernsthaft:

»Ich glaube, ich war es, die vorhin das andante nicht erwarten konnte.«

»Kleine Lügnerin,« antwortete er mit liebkosender Stimme.