Behutsam tupfend, mit kunstvoll beherrschten Händen ließ sie das Thema sich austönen, während die Geige schwieg, diese leichte Melancholie, aufhüpfend, schreitend und hinab – und dann lauschte sie lächelnd und beglückt dem durchsichtigen Spiel der getragenen Töne. Was hieran hieß denn schön, was war denn zauberisch in der schlichten Verbindung einfacher Terzen und Oktaven, was gab es denn Unerhörtes in diesem sachten Strömen von Stimmen, die miteinander gingen oder sich symmetrisch auswichen, was sprach denn so süß zu ihrem Herzen, während sie hier ihre Hände ausbreitete und schloß und mit denkenden Fingern Tasten sprechen ließ? Wie das einfach hinging, wie sanft und klar, und nicht trauriger als eine Nacht wie diese, beglänzt und voll von Glück … Ah, nun sang die Geige, sang sich aus mit einer Stimme über Menschenstimmen … fast zerbrach ihre sehnsüchtige Trauer, ihre von den Noten gefesselte Schwermut, die in sich vibrierte wie man ein Weinen verhält, fast zerbrach dieses mühsam in Maß gezwungene Ausdrücken den zarten Gang des Ganzen … Man mußte die eignen Töne ehrfürchtig dämpfen … Ja, das war die Seele, die tönte, und der Bogen ging nicht anders über die Saiten hin, die unter ihm zitterten, wie über die Seele das Glück … Nun kam es an sie, zu antworten – und wie sich der Gesang der Saiten in ein murmelndes Gerank verlor, sprach sie und redete zu ihm in den weinhellen, weinsüßen Harmonien, die geschrieben standen. »Schubert,« dachte sie, und dachte »Walter« und dachte »ich liebe dich« und dachte »mein Glück –« alles in diesem einen Namen.
Das ist das Ende – schon; leider. Nun noch die beiden Akkorde, die alles lösten und gelind in die Stille entließen, in das tiefe wundervolle Schweigen, durchsungen von nachhaltenden Saiten … Ein Klappern von Holz auf Holz, laut und jäh, schreckte sie auf, noch ehe sie hinsah war ihr deutlich, daß Walter Geige und Bogen heftig fortgelegt hatte … Da stand er am Tisch, die Arme gespannt, die Fäuste geballt, tief einatmend, hart ausstoßend: von seinem Gesicht löste sich eine Qual ab, die es verzerrt hatte: »Was hast du, Liebster!« fragte sie angstvoll. Er antwortete, schnell gesammelt, sanft, indem er wieder zu ihr trat: »Nichts mehr, Liebling, oder wenigstens nicht viel.« … Sie hörte nicht auf, in den Augen ein dringliches und banges Fragen zu haben, und er sprach weiter: »Es sind nur die Erinnerungen. Ich weiß wohl, warum ich diesen kindlichen Mordversuch aus dem Druckpapier drinnen nicht los wurde, warum ich mich im Mond ergriffen fand und wie sich darauf diese Musik da meldete – oh, ich weiß wohl! Vergangenheit ist ein scherzhaftes Wort! Jetzt, neben dir stehend, erwachsen und gesichert, war mir wieder wie dem Knaben zumute, der sich aus seinen Peinigungen, aus den Wirrnissen seiner Seele, die sich nicht verstand, hierher rettete, zur Musik. Denn wenn ich phantasierte und versuchte, ohne Noten aus der Geige zu reden, wurde ich so schwermütig, so voll von pressender Angst und Not, als erdrücke einer mein Herz langsam mit harten Händen … dann brach die kümmerliche Melodie ab, und ich saß stumm im Dunkeln, in einem Grade unglücklich, vor dem mir jetzt schaudert … Dann kam alles das, womit ich rang, alles das in mir, was ich schlecht und böse nannte, das Lasterhafte und Dunkle, das ich aus mir herausschaffen wollte, all das, dem ich untertan war und gegen das ich mich fruchtlos empörte, und machte mich verzweifeln. Dies hier aber« – er schlug auf die Noten – »und dergleichen tröstete mich« … Er schwieg tief befreit. Wie das aus ihm quillt … Du Zarter, dachte sie, du Guter, was für winzige Erlebnisse mögen dich damals aufgeregt haben! Erinnerst du dich … als du mir von dem Pakete erzähltest, das nach so kuriosen Schicksalen zur Post kam? »Was quälte dich denn so, damals? Wie alt warst du, vierzehn, fünfzehn?« Es lag ein Lachen in ihrem Ton, ein zärtliches, schelmisches, ein verliebtes. Die Kerzen flackerten im Winde und tropften in weißen Wülsten. »Fünfzehn, glaub ich. Was mich quälte? Ich sagte es: ich fand mich schlecht; und befahl mir vergebens, gut, rein, fehllos zu werden. Ich peinigte mich. Ich wünschte Katholik zu sein und einem Priester beichten zu dürfen, einem nicht mehr menschlichen Wesen, das strafen durfte, aber auch mit Kräften begabt war, zu verzeihen – mit lebendiger Gnade zu verzeihen. Wir hatten einen Geistlichen an der Schule, einen strengen, sanften und musikalischen Priester, klug, geschult und behutsam; er hätte mich verstanden. Unser eigener »Religionslehrer«? Gott, der Mensch war manchmal betrunken und versah außerdem den Turnunterricht« …
Claudia lachte hell und mit einem Übermut, den sie aus ihrer ganzen Freude an ihm aufschießen fühlte, nicht aus der Drolligkeit, von der er sprach. »Beichte mir,« sagte sie. »Kniee vor mir und beichte. Ich will streng und gnädig sein, beides. Ich lösche die Lichter aus« – und sie blies in die Flammen, »nun rede, Sündiger«. Wie Flut brach die Mondnacht durch die Fenster ein, schlug empor und füllte das Zimmer wie vorher still mit durchsichtiger Bläue. Er sah sie, ganz weiß in dem neuen Lichte, mit weiten Augen an, allzu ernsthaft für dies Spiel; er nickte, kniete vor dem Klaviersessel hin, umfaßte ihre Hüften und, ehe er den Kopf auf ihre Knie legte, sandte er noch einmal diesen Blick hinauf, ihr, die froh zu ihm hinabsah, mitten in die Lider und in das erschreckende Herz. Mondlicht schwimmt in seinen Augen … was wird er sagen? ist's dennoch etwas Ernsthaftes? Ach nein, dich schreckt die Stille, der Mond, das ungewisse Licht …
»Gut, ich beichte. Der Beichtstuhl ist ein Altar und der Priester ein Gott – was wird er sagen? Gleichviel. Höre gut hin, nimm es nicht allzuleicht und überlege, ehe du mich lossprichst. Ich log, um anzufangen. Nicht mehr als jeder Junge, aber ich litt hinterher und bereute – bis zum nächsten Mal. Ich bestahl meine Eltern, indem ich naschte. Die Leckereien waren nicht verschlossen, aber ich wußte, daß ich stahl. Ich stahl auch Bücher; kleine wertlose Heftchen; aber ich entwendete sie. Noch als Student, im ersten Semester, stahl ich in einem Antiquariat einen Descartes, 1650, Elzevir. Ich tat das, weil ich ihn nicht kaufen konnte, weil die Leute sorglos waren und leichtsinnig – aber ich stahl und behielt ihn. Er steht zwischen den anderen Büchern.« Er holte tief Atem; war es nicht möglich, der Stimme diese Schwere zu nehmen? Claudia saß ohne Regung; er wollte ihr Gesicht nicht sehen – dann: »Ich mordete auch. Nicht Tiere; auch starben die nicht, die ich mordete; denn ich war ohnmächtig und meist feige. So blieb es dabei, daß ich denen den Tod wünschte, glühend, rasend wünschte, daß ich zu Gott darum betete, er möge sie krepieren lassen, Lehrer, bei denen ich nichts gekonnt hatte, Kameraden, die mich überwunden hatten, meine Eltern, wenn sie mich hinderten, meinem Willen zu folgen. Es tobte in mir von Mordlust, von Gier nach blutigem, grausamem Töten. Nur die Hemmungen trennten mich von der Tat. Und wie leicht fielen sie! Ich erinnere mich, als geschähe es eben: ich habe ein leichtes Fieber, entzündeten Zahn oder so. Mein bester Freund kommt mich besuchen. Wir unterhalten uns, ich auf dem Sofa, er am Ofen stehend, wir disputierten, streiten, er wird recht behalten: da faßt mich Raserei und ich … gieße ihm ein Glas Wasser ins Gesicht, das neben mir steht! Wer wagt zu sagen, daß ich ihn nicht erschossen hätte, wäre mir eine Pistole in die Hand gekommen, wie dem Jungen in der Zeitung? Ich liebte ihn sehr, es war mein Freund – und dennoch! … Aus Herrschgier, weil ich unterlag! Nachher bat ich ihn um Verzeihung« …
Er fühlte mit tiefem Staunen: was geschah hier? Wer schrie so leidenschaftlich aus ihm, aus Walter Rohme, dem Dreißigjährigen? Wessen Gesicht glühte hier vor Erregung und wer büßte hier, büßte mit heißer Stirn und zuckendem Herzen? Und was lag hier vor, daß er sich schämte, offen schämte, zu enden? Claudias Finger lagen so still in seinen Haaren, und erst hatten sie ihn gestreichelt …
»Zu enden: da war noch ein Junge, ein hübscher bräunlicher Knabe. Wir gingen zusammen baden, ins Schwimmhaus; eine nützliche Stiftung; ja. Und dort teilten wir die Zelle. Und wenn wir gebadet hatten, trockneten wir einander ab. Und dann blieben wir nackt. Ja. Und dann besahen wir uns, und berührten uns und küßten uns. Dann befahl einer, und der andere legte sich auf die harten Holzlatten, zur Peinigung. Und der erste …«
Claudia stand auf, mit einem Ruck, der den Sessel umwarf. Sie hielt die Hände zwischen sich und ihren Gatten, mit einer Gebärde gelähmter Abwehr, und ging hinaus – das Gesicht abgewendet, mit ganz großen schwarzen Augen, blinkte im Mondlicht steinweiß – ging durch die Tür, durch alle Türen, durch alle Räume bis ins Schlafzimmer, und drehte den Schlüssel um, zweimal.
Sie hielt an und blickte starr in den lichten Raum, dessen weiße Wände die Helligkeit verdoppelten. Er lag ganz still, nur die Möbel knarrten noch von dem jähen Eintritt. Ihr Herz rührte sich in regellosen Schlägen langsam. Ihr Körper zitterte schrecklich, wie von elektrischen Strömen geschüttelt. Sie sah sich in dem großen Spiegel des Waschtisches, steif und erstarrt, in dem gelblichen Kleid, das der Mond ganz hell machte …, dann schlug sie die Hände auf die Brust, aus der ein Stöhnen brach. Frostschauer durchdrangen sie. Sie schüttelte schnell und entsetzt den Kopf: nicht mich ansehen! Die Kniee wurden ihr schwach, sie taumelte zum Fenster und auf einen Stuhl. Dann legte sie das Gesicht in die Hände und weinte laut.
Sie fühlte nichts mehr von sich: so ganz ausgefüllt war sie von wirbelnder Verstörung, die umschwang wie schwarzes Wasser im Trichter eines Strudels, die sie eisig lähmte, und die von der riesengroßen Woge hinterlassen war, mit der das Entsetzen in sie hereinbrach, vorhin, bei diesem furchtbaren Gestehen … Im Erinnern versagte ihr der Atem, sie keuchte leise. Er, er! das war in ihm, so sah er aus, ohne Kleider … Es war ihr, als müßte sie wieder aufspringen und weiterlaufen, laufen bis sie niederfiel, in einem Gebüsch, in Sicherheit, meilenfern von ihm … War sie hier sicher? Sie sprang auf, lief zur Tür; ja, sie war verschlossen, doppelt – aber noch den Riegel vorschieben: den Schrank davor stellen, wenn sie es gekonnt hätte! Der Blick, den sie durch die Tür und alle Räume auf den Knieenden schoß, enthielt nichts als Furcht und Abscheu … Dann lief sie lautlos zu ihrem großen Stuhle zurück, verkroch sich in seinen Lehnen und sah mit trostlosen, schon versiegten Augen vor sich hin, ins Leere.
Zwischen langem, von wirrer Stille erfüllten Nicht-Denkenkönnen erhoben Gefühle ihre Häupter und redeten. Er hätte schweigen müssen, schrie es, schweigen! Nein, er hätte das alles nicht in sich haben dürfen, wenn er mir so nahe kommen wollte. Er hat mich unerhört betrogen … Sie jammerte leise, und ihre Finger, ineinandergeschlungen, wanden sich ruhelos in schmerzender Verklammerung. So nahe! Ihr Blick zuckte scheu zu den Betten hinüber und fiel tot zu Boden … entsetzlich … Aber mindestens schweigen mußte er, nicht auch sie beschmutzen und zerrütten, damit auch sie heillos und erniedrigt sei … Welche Entblößung … und die Scham, die ihn hätte zügeln müssen, brannte in ihr, in ihrem Gesicht. Ja, sie hatte sich zu schämen, es war in der Ordnung: war sie ihm nicht ganz nahe verbunden, von Mensch zu Mensch, innerlich unlöslich an ihn geknüpft … Mußte sie nicht verzweifeln? … Da fragte es plötzlich; unlöslich? Eine schreckliche Pause … dann sah sie hin und stellte fest: – ja. Sie atmete tief und wußte nicht, warum. Ist das Verzweiflung? Wirre Stille übertäubte die Antwort.