Sie erhob sich und stand am offenen Fenster, blickte zum Himmel auf und sah den Mond, der sich gesenkt hatte, in fast erfüllter Rundheit und unsäglichem Glanze. Sie setzte sich auf das Fensterbrett, schräg, den Rücken an Mauer und Rahmen gelehnt; das gelbliche Kleid floß wie ein Lichtbrei ins Zimmer zurück, und ihr Blick zog sich fest an dem Gestirn, dem sie eine Seele lieh. Ein maßloses Mitleid mit sich drang in sie ein und löste ihr Unglück in neuen, nun sanften Tränen. Wie war sie so ganz allein! Wo lebte jemand verlassen wie sie … Tropfen um Tropfen rann über ihre Wangen und glitt salzig in die Winkel des in Schmerzen abwärts gerundeten Mundes. Hilflos litt sie, hatte nicht einmal einen Namen, ihn zu flüstern wie bisher – denn der diesen Namen trug, der machte sie leiden. Was war von dem Zauber der Nacht geblieben? Was geblieben von dem blauen Glanze in der Luft und dem Lichte, mit dem man Liebe atmete? Liebte sie ihn denn noch? Auch jetzt? später wieder? Sie wußte es nicht, sie hatte keinen Rat, und ihrem Unglück antwortete er nicht, der Zauber des nächtlich blauen Himmels, der doch ihrem Glück ein Echo gewesen. Dort draußen hatte sich nichts geändert, die riesenhaften Leuchter der blühenden Kastanien drohten noch immer, mit bleichen Flammen besteckt, die im Winde schwankten, von den gerundeten Akazien her schwammen auf der Luft Duftwellen heran, Fliedergeruch sonderte sich davon wie von der sanfttönenden Klarinette der singende Klang der Oboe, und wie helle Flötentriller sandte das Hyazinthenbeet, farblos im bleichenden Lichte, seine Düfte empor. Da unten atmete ihr lieber Garten – warum blieb er schön, reich und böse, da alles andere sich zerstörte? Denn es war doch alles zerstört und zu Ende – und niemand so verlassen und unglücklich wie sie … Niemand? Nicht auch einer in ihrer Nähe, dort im Zimmer, nebenan? Saß da nicht einer, der litt, und bitterlich litt? …
Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn nach dem Nacken, wo es sich zum Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die Finger. Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus. Besinne dich, sagte es in ihr, besinne dich … und wie in plötzlichem Entschluß fragte sie sich: was ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas Entsetzliches, Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung, ein Hieb ins lebendige Fleisch! – Ruhe jetzt und Kälte, Claudia; du warst im Recht, aber nun lege es dar. Ein Mann – wer? Dein Gatte, dein Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse Erlebnisse der Jugend, die fünfzehn Jahre zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch und weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen wie sie in ihm begraben lagen. Zugegeben, daß sie besser verschwiegen blieben. Denn du fürchtest von jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben war immer darauf gestellt, jenes andere, das man auch »Leben« nennt, zu verschweigen, nicht zu wissen – du wolltest stets in Reinheit deinen Weg gehen, du brauchtest das, weil du zart bist und wenig Waffen gegen das Grauen und die Hilflosigkeit hast, die dich vor allem befällt, was du das Gemeine nennst … du weißt es. Nun dringt, von unvermuteter Seite, das »Leben« auf dich ein, du siehst den Mann, der neben dir schläft und dem du – wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom Leben gefangen; und was tust du? Du fliehst! Du läufst davon, als hättest du nicht längst, seit jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen lassen; du bist unselig, quälst dich und vergißt, daß er es ist, er, von dem es dir kam, und läßt ihn zurück, allein.
Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser in das Waschbecken rinnen, kühlte die Hände und das heiße Gesicht – wie wohltuend fühlte sie all die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und kehrte zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft zu atmen und das Geschehene im Mondlicht zu überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung: was war doch gleich so Widerliches und Gemeines aufgedeckt worden? Sie konnte es noch denken, aber sie fühlte es nicht mehr … Sie war geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenen Türen – warum nur? … Es mußte ein Grund dafür gewesen sein, ein triftiger überdies. Sie besann sich auf ihn – vergebens. Er hatte stark gewirkt, und dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig. Worin bestand das Schlimme, und was in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich: wenn sie sich des Geständnisses erinnerte – nein, wenn dieses Geständnis ihr eben jetzt gemacht würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen. Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum fliehen? Als Mädchen, ja, damals hätte sie nichts anderes tun können. Aber hatte nicht in diesen drei Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt – alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd sie sich geworden war, sich von damals. Daß es süß war, ganz erkannt zu sein, daß man Glück fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen zu unterwerfen; daß aus trivialen Verrichtungen der Häuslichkeit Heiterkeit in die Seele strömen könne, wenn sie für ihn geschahen – hätte sie früher nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen vorausgesagt hätte? Dennoch war es so. Und nun stand es überraschend da: ein früheres Ich, das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer bemächtigt und sie fortgetragen – und Claudia Rohme sah sich in dieses Schicksal und seine Qualen verwickelt, sich und ihn.
Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem Atem – dann machte sie sich an ein unruhiges Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen hineingerissen. Er? litt er denn? Ja, er leidet, du weißt es. – So möge er; ich litt, ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr – nein, nicht einmal ebenso sehr. Denn den Gedanken, Claudia wehe getan zu haben – er wird ihn schwer ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften … Hätte er doch geschwiegen! Kannte er sie denn nicht? Mußte er nicht wissen, daß sie sich entsetzen werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet … Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und in gewisser Absicht gesprochen? Es schien fast so … Doch gleichviel: das Schlimme blieb ausgesprochen und die Welt auf immer verändert. Aber – sie hielt an und ihre Stirn spannte sich – mußte man nicht zusehen, gleichwohl weiter in ihr zu leben, miteinander, über dem neuen Wissen und aller Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung unmerklich hingenommen: immer einen Mann neben sich zu sehen – warum nicht auch diese? »Komme ich darüber hinweg?«
Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie denn! kam es ihr zu, diese Frage zu stellen, oder mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen, er ihr die Hände entgegenhalten und ihr helfen? Er hatte es nicht so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo herum und … Was tat er denn jetzt! Er versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen, hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! – Aber sie verwehrte sich diese Flucht in ungerechten Groll: nein, so töricht sollte sie nicht denken. Er durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum mit den beiden Betten, er wußte das. Er blieb fern, aus Zartheit: gib das zu, Claudia. Ja, er hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war … Aber dennoch: sie mußte allein damit fertig werden. Sie mußte diese Nacht für sich haben, und morgen würde man sehen. – Morgen? Beim Lichte eines neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete ja, eine Mauer aufrichten zwischen sich und ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte … eine ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und spätem Schlafe? Zwei fremde Menschen würden morgen vor einander umschattete Augen niederschlagen! Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie blickte auf die verschlossene Tür und stöhnte. Wenn er doch käme, wenn er es doch wagte! Aber sie wußte, es blieb ihm verboten – und wie eine Verirrte, die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt, machte sie ratlose Schritte, die sie ans Fenster führten.
Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges zu sehen, eine kleine Weile Atem zu holen, zu ruhen. Der weite Garten lag weiß im Mondlicht, Wege wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser, und ganz schwarz ballten sich die Schattenmassen der großen Allee. Zwei junge Menschen traten daraus hervor, und Claudia wich zurück: Else und James. Der junge Diener, in Hemdsärmeln, die Hände in den Taschen und die kurze Pfeife rauchend – sie sah sogar das Aufglimmen des Tabaks und den leichten Rauch – ging neben dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen kurzen Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen Augenblick an; augenscheinlich wußten sie nicht, welchen wählen; dann beschritt er den rechten, der zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des Hauses. Sie blieb stehen – »sie will über die Vordertreppe« – machte auf dem anderen zwei trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte sich und eilte ihm nach; er nickte.
Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann empörte sich etwas in ihr so heiß, als ginge sie das da irgendwie an. Dann hob sie das Gesicht: ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt langsam mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn zu den Schläfen und die Wangen hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür, schob leise den Riegel zurück, schloß ganz leise auf, öffnete geräuschlos, hob mit vorgestreckter Hand den Vorhang zur Seite und stand starr: da lag er, ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über ihrer Türschwelle.
Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs umdunkelt, in einer ungeheuerlich seligen Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet, die Augen in Schatten, der Mund gepreßt und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt. Ihre Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt den vorgeneigten Körper. Er gewahrte sie sogleich, fuhr auf und hob, sitzend, auf die Hände gestützt, ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten. So blickten sie aufeinander und harrten stumm. Das Herz der Frau schüttete in groben Schlägen Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen, in denen sie ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt als werfe sie sich in höchstem Leid oder höchstem Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung, aber die Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte sie über seinem aufsaugenden Antlitz wie die Göttin eines Brunnens: und aus ihren Augen strömte Liebe. Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die Spannung seiner Züge, und mit hörbarem Atem trank er die Erlösung, die sie über ihn ergoß. Grenzenlos schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in seinen dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht, das ihm in Liebe zugewendet war, die der Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen sich zu einander in einer Stille, unterhalb derer das Schlagen ihrer erschütterten jungen Herzen in das ferne, sanfte Zischeln der bewegten jungen Blätter floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank Claudia in die Knie und war ihm nahe. Und er begann zu reden, mit einer tiefen, ganz leisen Stimme aus der innersten Brust:
»Kannst du mir wirklich verzeihen?«
Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich allein ließ statt dir zu helfen? Wie eine Unmündige davonlief und töricht war?«