»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen, das war deine Waffe und dein Gesetz. Meins hätte geheißen: Schweigen.«
»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles immer allein zu tragen!«
»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich nicht, daß dein Leben hinweggehen will über alles das unterhalb des Menschen? Ich tat es trotzdem« …
– »Und es war gut. Es mußte gesagt werden, einmal, irgendwas. Konnte ich noch länger so nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen, und je später, um so schrecklicher. Nein, Walter, ich sehe es jetzt, es war sehr gut.«
»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die Hände küssen … Du sagtest: beichte. In diesem Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen solle, und antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und mein Herz zerriß und die Verzweiflung in mir so tobte, daß ich meine Adern aufschneiden wollte, um sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich trieb nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch nicht, daß du von mir wissen solltest – mich trieb nichts als der eigensüchtige Wunsch des Befreitseins von dem, was ich nun 15 Jahre mit mir trage, von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht kanntest. Jetzt erkenne ich, mich bewegten alle diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten Schritte in die Versöhnung hineinzuziehen – oder in mein Ende. Denn ich kann nicht leben ohne dich – das habe ich grell gesehen da ich elender war als je zuvor.«
– »Aber mein Leben war falsch und künstlich. Ich wußte vom Dasein, aber ich hatte es nie geschaut, vor Augen gehabt wie ich dich jetzt schaue, meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute, durch dich Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück zu verleugnen und das Grauenhafte nicht zu sehen. Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber hinweg? Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen? Ein Mann ist geprüfter als ich dachte, das Leben ist härter als ich dachte, – nur härter? Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter? Wie sinnlos, vor ihm zu bangen, da ich doch von ihm umspült bin wie von Luft, da es doch in mir enthalten ist wie eingeatmete Luft.«
Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie standen nebeneinander, im silbernen Lichte, Hand in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu einem, der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte und ihrem Dastehen einen Sockel gab und das Festgegründete von Statuen.
»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen. Daß du stark bist über dich, wußte ich seit dem Abend, an dem du mir die Hand reichtest über ein Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe zwischen uns gestellt hatte wie einen Abgrund: das Eingeständnis meiner Schwäche. Aber du nahmst es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden uns – Fremde im Grunde. Und als du Oswald Saach vor uns anklagtest, den Toten, den du geliebt hattest, – da sah ich dich, eine Unbekannte. Heute jedoch – wie stark bist du denn, da du so fruchtbar zu leiden weißt?«