Kuster verbeugte sich und sprach demütig. „Gnädiger Herr! Wo kein
Kläger, ist auch kein Richter! Vor Jahren weilte ein
Untersuchungsrichter auf Grund einer Gendarmerieanzeige in Jesenaš: die
Kommission zog schon am zweiten Tage erfolglos und arg hungrig ab; der
Krämer hatte nichts Eßbares im Hause. Sogar der Richter hatte
vergeblich in Keller und Speicher gesucht!“
Darauf verstummte Kommissär Günther. Seine Neugierde richtete sich auf die — Rechnung.
Der „Herrgott“ von Jesenaš weigerte sich, einen geschriebenen Beleg zu geben. Untertänig erklärte er, daß der gnädige Herr Forstkommissär achtmal für Wohnung samt Bedienung und Licht, für Frühstück (Kaffee mit Milch, Brot, Honig und Eiern) sowie für das Abendessen (Fleisch mit Kartoffeln) zusammen täglich — dreißig Kreuzer[12] zu zahlen habe. Für Wein täglich zwölf Kreuzer „extra“….
Kommissär Günter traute seinen Ohren nicht und riß vor Staunen weit die
Augen auf.
Erschreckt, das Staunen irrig deutend, bat der Krämer unter Verbeugungen um Verzeihung, verwünschte seine Gedächtnisschwäche, die ihm einen üblen Streich gespielt, und feierlich erklärte er, daß der Tagespreis ohne Wein — zwanzig Kreuzer betrage!!! Am Wein hingegen könne er beim besten Willen nichts nachlassen, da nur der Selbstkostenpreis berechnet worden sei.
Mit Mühe setzte Günter dem achtenswerten Krämer auseinander, daß der Preis von täglich dreißig Kreuzern wahrhaftig nicht als zu hoch erachtet würde. Der Kommissär wollte diesen Betrag bezahlen, aber der Hauswirt verweigerte die Annahme des Betrages über den Pensionspreis von zwanzig Kreuzern hinaus. Ebenso lehnten die Dienstboten die Annahme irgendeiner Belohnung ab.
Die Förster hatten fünfzehn Kreuzer täglich zu zahlen, die Waldhüter nichts….
Auf dem Rückmarsch hatte Forstkommissär Günter ein sonderbares Summen im
Ohr; immer klangen gedämpft die Worte. „Größter Gauner, anständiger
Mensch!“ über den Widerspruch ärgerte sich Günter schändlich. Und einen
Seelenkampf kostete es, schlüssig zu werden über die Frage, ob, wie alle
anderen Menschen, die in Jesenaš zu tun hatten und haben werden, auch
Forstkommissär Günter die Tatsachen hinnehmen und sich nicht weiter den
Kopfzerbrechen solle….
Der Seelenkampf war entschieden, als Günter seinen Dienstwohnsitz erreichte. Entschieden mit dem Satze. „Ich bin Forstmann in Kroatien und nicht — Kaminfeger! Denn nur der ‚Schwarze‘ kratzt, was ihn nicht beißt!“
Im übrigen ahmte er das Beispiel der alten Amtskollegen nach, gab die gleiche Schilderung von den Verhältnissen auf der Gorievica und ließ sich von Ungläubigen ins Gesicht lachen. Solange Günter — Jahre hindurch — auf kroatischem Boden weilte, wich er jeder Erörterung des Themas. „Größter Gauner und doch ein anständiger Mensch“ aus. Günter wollte über den Krämer von Jesenaš keine Witzeleien hören; der Mann hatte während eines zweiten Aufenthaltes (Schätzungsnachprüfung) seine Achtung erzwungen, indem der Hebräer — es fehlte an Fleisch — vom kleinen Mehlvorrat das — letzte Pfund Mehl willig hergab, um den hilf- und nahrungslosen Beamten zu versorgen, solange es eben möglich war….