In der pfarrlichen Arbeitsstube, durch deren offen stehende Fenster der Lindenblütenduft wonnig eindrang, sagte der Starešina, ein großer, noch immer schöner Mann im Weißbart, zum allgemein verehrten Priestergreise. „Der Duft ist zu stark; er gefällt mir nicht! Ich gehe nach Karlstadt und will fragen, was er bedeutet!“

Der ehrwürdige Pfarrer konnte und wollte den Dorfvorsteher vom Gang zur Kreisstadt nicht abhalten, hatte jedoch den Wunsch, zu verhüten, daß sich der Starešina mit der komischen Frage nach der Ursache des überstarken Blütenduftes bei der Beamtenschaft in Karlstadt lächerlich mache und verhöhnt werde. In der Meinung, daß der Vorsteher in einem Scherz das Körnchen Ernst herausfinden werde, verwies der Pfarrer auf den Spruch: „Ne prelazi na cetir noge mosta!“[15]. Damit wollte der Župnik andeuten, daß man nicht überstürzt reiten, das Pferd am Zügel führen solle, weil möglicherweise die Brücke morsch sei. Vor einem übereilten Schritt wollte der Pfarrer den Vorsteher abhalten oder doch warnen.

Der Starešina hob den weißbebuschten Kopf, richtete die blitzenden Augen auf den Župnik und sprach. „Wer zu Fuß geht, kommt auch über eine baufällige Brücke!“ Nach kurzem Abschied verließ der Vorsteher das Pfarrhaus und stapfte nach Karlstadt.

Zwei Tage später stand er wieder vor dem Pfarrer und berichtete, daß der überstarke Blütenduft der Linde „neue Rechte“, nove pravice[16], ankündigen wollte, ein neues Urbanialgesetz, das der Kaiser und König den Bauern zum Schutz gegen die aussaugenden Grundherren gegeben habe. Mit der Raubwirtschaft und Bauernschinderei sei es jetzt zu Ende; die Bauern hätten nun mit kaiserlicher Ermächtigung ein Recht, Neuntel, Zehent und Robot zu verweigern, ihre Peiniger, die Blutsauger, zurückzuwerfen und zu verprügeln, wenn die Gutsbeamten mit Gewalt vorgehen.

Der Pfarrer ahnte Schlimmes und bat flehentlich, jede Gewalttat zu unterlassen, das Neuntel von der beendigten Ernte diesmal noch zu geben, da einstweilen vom Reichstag nur die „königliche Proposition“ angenommen, das Gesetz selbst vom Monarchen noch nicht „sanktioniert“, nicht vollziehbar sei.

Der Starešina war nicht zu belehren, die Mitteilung von dem in Budapest angenommenen Gesetz zum Bauernschutz zu Kopf gestiegen. Er wollte nicht mehr auf den Pfarrer hören, wiewohl der Vorsteher sonst zugänglich war und mit allen Gemeindeangehörigen den greisen Župnik aufrichtig verehrte. Scharfen Tones, metallhart sprach der Starešina die Worte. „Jetzt wird die Linde sprechen; sie allein entscheidet mit dem letzten Wort!“ Damit verließ der alte Zaka den Widum und blieb dem Pfarrer fern.

Von Haus zu Haus lief die aufwühlende Kunde von dem „neuen Recht“. Und für den nächsten Sonntag nach Beendigung des Gottesdienstes wurde der „Rat unter der Linde“ einberufen. Die „Linde sollte sprechen“….

Schwere Befürchtungen erfüllten die Seele des ehrlichen Pfarrers, der sich entschloß, in der nächsten Sonntagspredigt die Gemeinde vor den Folgen der Zinspflichtverweigerung umso mehr eindringlich zu warnen, als im Dorfe Leute auftauchten, die zweifellos zu offenem Widerstand aufreizten und den Bauern alle Freiheit und obendrein eine goldene Zukunft versprachen.

Fast ein halbes Jahrhundert hindurch war der Pfarrer unter oft bitterharten Verhältnissen Seelsorger, doch nie fiel ihm der Gang zur Kanzel so schwer wie an diesem Sonntag. Und wie er den Leuten zureden sollte, wußte er nicht, als er bereits auf der Kanzel stand. Beim Anblick der Männer mit gewissermaßen bissigem Gesichtsausdruck kam die Erleuchtung plötzlich und ebenso jäh der unbeugsame Entschluß, all die Beliebtheit und Verehrung dranzusetzen, den verhetzten Bauern rückhaltlos, unbekümmert um die Folgen für den Prediger, die Wahrheit zu sagen. Und so hub der greise Župnik zu sprechen an, daß es leicht sei, im schwer arbeitenden und unter harten Lebensverhältnissen leidenden Volke mit lockenden Worten große, ja ungeheure Hoffnungen auf schrankenlose Freiheit und goldene Zeit zu erwecken. Wer die leichtgläubige, begehrliche, geldlüsterne Menge mit frechen Versprechungen überschütte, der habe immer gewonnenes Spiel, mag der Schwätzer ein Verräter, ein Dieb, ein Überläufer, ein Schuft sein. Das Volk opfert immer für eine glänzende Hoffnung die kleine Habe, das bißchen angeborenen gesunden Menschenverstand. Blitzdumm sei es, die wenigen letzten Gulden den Schwätzern nachzuwerfen in der Hoffnung, daß die kommende Zeit Dukaten in schwerer Menge einbringen werde. Die Zukunft bringe aber kein Geld, überhaupt keinen Gewinn, dafür aber bittere Enttäuschung und schweres Unglück in der Familie, in der Gemeinde, im Vaterlande. Das sei immer und überall so gewesen, wo Geldgier und Faulheit größer waren als Verstand und Vernunft. „Die Gescheitesten auf Gottes weiter Erde sind wir Kroaten schon in früheren Jahrhunderten nicht gewesen, weil wir für andere Leute und fremde Interessen Blut und Leben hingegeben, dafür keine Entschädigung, nicht mal ein Dankeswort erhalten haben. Leute von Krašić! Zeiget doch ihr, daß wir nicht die Dümmsten von Kroatien sind! Ein bissel dumm sein, ist ja ganz nett und bekömmlich für Leib und Seele! Aber die Allerdümmsten wollen wir nicht sein! Wir sind es aber, wenn wir auf ein Gesetz pochen, das noch nicht Gesetzeskraft erlangt hat, weil der Kaiser-König es noch nicht sanktioniert hat. Es muß das Neuntel von Getreide und Heu gegeben werden, weil der Monarch die Bauern noch nicht von dieser Abgabenpflicht befreit hat! Sobald das geschehen ist, das Gesetz rechtskräftig geworden ist, bin ich der erste, der es verkündigen und euch auffordern wird, der Grundherrschaft das Neuntel und Zehntel zu verweigern! Bis jetzt sind wir noch nicht so weit: wir müssen zinsen! Seid vernünftig, Männer von Krašić!“

Ein Gepolter machte den Kanzelredner stutzig. Der Pfarrer hielt inne und guckte betroffen auf die Bauern, die rücksichtslos aus den Kirchenstühlen traten, in Haufen das Gotteshaus verließen. Nur Weiber und Kinder blieben beim greisen Pfarrer zurück, der die Predigt jäh beendete und tiefbetrübt den Gottesdienst fortsetzte.