Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete, fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen und der Mund weit offen stand.
Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch die Schwester des Erzbischofes sei.
Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach den verblüfften Pfarrer an: „Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade gewähret, zu huldigen der — Fürstin!“
„I — ich —!“ schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten
Satz: „Ich glaub's gleich?!“ herauszubringen.
Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: „Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin
Salome, meines Lebens Sonne und Glück!“
Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte, doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten.
Der Pfarrer aber stotterte: „Fürstin? Ergo conjugatus est archiepiscopus?“
Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung.
Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: „Haltet ein, Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum, nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund? Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden, geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum, vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist mit mir, Euch aber droht Verdammnis und — —“
Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;
Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch
geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um
Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.