Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam wird denn die „heilige Nacht“ gefeiert im Wirtshause zum „dürren Ast“ am toten Bühl.
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Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend einen „guete Morge“ und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die „Kunst“ zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich Peter, den neuen „Badener“, anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube zum „dürren Ast“ noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.
Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so geschwind „umsatteln“, den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu leugnen sei, daß die „guet Sach“ heillos übel stehe. Andere neigen zur Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die „badische Sach“ erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die Kuchelbacher Beteiligung.
Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen nachlassen. Was Peter dazu meine?
Und Peter spricht zu den Gästen: „Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?“
Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend Unterthanen mehr im Lande.
Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die bisher energisch für die „guet und heilig Sach'“ agitiert haben. Was da die „Wybervölker“ über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang nicht schmeichelhaft für den „Astwirt“ und auch für manchen Salpeterer fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter allen Umständen die Deputationsreise „usprobyre“ zu wollen; nach Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten, badisch zu werden und auf die „heilige Sach“ zu verzichten, wurde feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet.
Am Nachmittag des Christtages hat der „dürre Ast“ einen Besuch erhalten, auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter sein Volk, den Glauben und die „heilige Sach'“ verraten habe und abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der „heiligen Sach'“ willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen auskratzen, wenn er nicht zur „heiligen Sach'“ zurückkehre und Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! „So sag ich und du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und Verräter! — Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!“
Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: „Im Namen des Großherzogs von Baden, hinaus!“ Ein Ruck, ein Krach — das zeternde Weib fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee.