„Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir gewendet —“

„Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!“

„Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!“

„Doch!“

„Wie?“

„Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten, und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!“ Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen, indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.

* * * * *

Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts. Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden, nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach „Klärle“. Wie das wohlthut!

Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein
Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater
hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der
Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein
Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken
Hand über die Augen.

Erglühend lispelt Klärle. „Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein.“