„Wie meinst, Gifter!“
„Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!“
„Warum bist denn zu mir 'kommen?“
„Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus, vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!“
„B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger
Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im ‚Lamm‘! adjes!“
Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um 's andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!
* * * * *
Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain, schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die Straße entlang.
Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände &c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern; Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die Wirtsstuben auf der „Post“ und im „Lamm“, wo dem Oberndorfer Gerstensaft und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen, giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe. Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den linken und meint gelassen. „Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit 'm Herrgott z' frieda sei!“ Was um den Gifter herumsteht, lacht aus vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle „Gegengift“ wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr.
Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie angewurzelt stehen. — Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht, daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat, fühlt er sich nicht sicher.