„Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!“
„Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und möchte dennoch württembergisch werden?“
Der greise Konventuale seufzt und schweigt.
„Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als der Herzog! — Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und strafen!“
P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden, ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach, daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot der Hörigen zu vollziehen bemüht ist.
* * * * *
Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt, grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht, und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P. Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise mitteilt: „Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!“
Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: „Wie, was?“
„Ein Sendbote ist da!“
„Von wem gesandt?“