„St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!“

Erregt springt Alphons auf und befiehlt: „Bringt den Boten in meine
Zelle!“ Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater
Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes
von Ehlenbogen.

Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein, indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.

Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St. Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt: „Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron d'Oisonville in Breisach! Georg.“

Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: „Frankreich! Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß! Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!“ Ein Seufzer aus gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben, und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein. Sein Scepter bedeutet das Ende….

Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte?
Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird
Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs
Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung
gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt?
Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur
Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!

Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet bald darauf der Bote ab.

Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: „Was erfrechst du dich, du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken! So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!“ Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es, solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort, ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen! Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit, auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle.

Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen, dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen durch sanftes Rauschen.

Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut,
Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen.