„Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!“ ruft verbittert der
Pelagier.

„Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!“

Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann.

* * * * *

Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde — —! Ob es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?!

Frei sein; wie das herrlich sein müßte!

Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott, Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten? Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern. Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt, seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach.

Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken, wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus laufenden Pelagier, was denn los sei. „Die Franzosen kommen, bewaffnet euch!“ schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren. Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere.

Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: „Die kommen rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier bleiben können!“

„Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte — der Feind — wir werden verloren sein, darum rief ich alles zu den Waffen!“ stammelt der Pelagier.