Als alles nach Auftrag besorgt war, der Wettergott ein Einsehen hatte und etliche Sonnenstrahlen in das Ennstal sandte zur Erquickung eingeregneter Menschen, da schickte Martina den Wagen zurück; sie wollte laufen, dem Dienst ein Schnippchen schlagen... Frei sein für ganze zwei Stunden! Auf die Gefahr hin, bei Rückkehr von Durchlaucht einen Wischer in zugespitzten Worten zu bekommen.

In Gedanken nannte Martina sich eine „nette“ Hofdame, die auf das „Dienstschwänzen“ erpicht ist. Doch dicht neben der Erkenntnis dieser schweren Sünde saß auch schon die Entschuldigung: ein Hoffräulein hat ja noch weniger vom Leben als die hohen Herrschaften, nicht einmal die Ausgangsfreuden der Dienstmädchen an Sonntagen! Ein mittelloses Hoffräulein, auf die Stellung angewiesen, besseres Zimmermädel, weiter nichts!

Merkwürdig, wie schnell die Gedanken des „besseren Zimmermädels“ plötzlich sich mit der Frage beschäftigten, ob „man“ denn lebenslang in dieser Abhängigkeit ausharren könne?

Jedes Dienstmädel hofft und ersehnt Befreiung, möchte, bevor die Haare grau werden, heiraten und Frau sein.

Martinas Gedanken flatterten in das stille Forsthaus zu Hall und umspielten den ernsten lieben Oberförster Hartlieb und erbauten in rasender Eile ein Luftschloß, das zwei sich liebende Menschen bewohnen...

Wie sich Martina aber vergegenwärtigte, daß sie als Frau Hartlieb ständig im einsamen Forsthause würde leben, viele Monate im Jahre mit der Fürstin in Berührung kommen müssen, da fiel das kühnragende Luftschloß jäh zusammen...

Traurig promenierte Martina durch die stiftische Eichelau zur Ennsbrücke und pilgerte auf dem Sträßlein gen Norden zum Dorfe Hall. Fest entschlossen, niemals wieder Luftschlösser zu bauen. Aber dieser Vorsatz zerschellte an einem neuen Gedanken, an der plötzlich aufgetauchten Frage, ob denn Hartlieb genötigt sei, lebenslang im Haller Dienste zu bleiben?

Eine Wegstunde hindurch beschäftigte sich Martina mit der Frage, was die Hofdame wohl tun würde, wenn Hartlieb einen anderen Posten annehmen und um Fräulein von Gussitsch anhalten würde? Soll die Antwort ein „Ja“ oder ein „Nein“ sein? Zur Bejahung gehört doch die große, alles überwindende Liebe!

Martina schüttelte das hübsche Köpfchen, in dem so viele Fragen durcheinanderwirbelten. Und sie flüsterte dem Tann zu: „Soweit sind wir ja noch gar nicht! Ich weiß ja gar nicht, ob Hartlieb mich liebt!“

Im grünen Tann seufzte der abendliche Bergwind.