Bitter klagte Fürstin Sophie, daß der Sohn „in Preußen“ revolutioniert, zu seinem Schaden in Kopf und Seele beeinflußt und verändert worden sei; spottlustig, sarkastisch der lammfromm gewesene Jüngling, standeswidrige Leutseligkeit. Seufzend, mit zitternder Stimme sprach die Fürstin: „Denken Sie nur, Hochwürden, mein Sohn fragte mich, wie ich über eine bürgerliche Braut dächte. Unerhört! Aber ich habe das Schreckliche verhindert durch einen gemessenen Befehl! Mit aller Strenge werde ich künftig vorgehen, um Entgleisungen zu verhüten, den Jungen vor Unglück bewahren! Helfen Sie mir, Herr Pfarrer, mit Ihrem Rat, mit Ihrer Erfahrung als Priester und Seelenhirte!“
Pater Wilfrid verbeugte sich und sprach: „Euer Durchlaucht werden sich mit dem Faktum vertraut machen müssen, daß die Zeit vorüber ist, in der sich ein Sohn gängeln läßt; Prinz Emil ist der mütterlichen Aufsicht entwachsen, mit vierundzwanzig Jahren allerdings noch kein ausgereifter Mann, aber auch kein Jüngling mehr, der sich lenken, am Händchen führen läßt! Das Befehlenwollen der Eltern, nachdem der Sohn mündig geworden ist, seine eigenen Anschauungen hat und sich über das Lebensziel klar geworden ist, führt zu nichts Gutem! Mit solcher Befehlerei – ich bitte zu verzeihen – erzielt man nur Verschlossenheit, Gereiztheit, Eigensinn und Widerstand! Letzterer wird sich je nach Temperament und Erziehung aktiv oder passiv zeigen! Jeder Priester von Erfahrung muß zu den Eltern sagen: Ne feceris! Tue es nicht!“
Die Fürstin jammerte: „Ach Gott! Nun halten gar auch Sie, der Geistliche, dem Sohne die Stange! Die Mutter wird doch berechtigt sein, Gehorsam zu fordern?“
„Zu dienen, Durchlaucht! Achtung muß der Sohn erweisen, auch Gehorsam in dem, was den Eltern zukommt! Aber nicht darüber hinaus! Die Eltern können mahnend und warnend einzuwirken versuchen, erzwingen können sie aber nichts mehr! Gute Erziehung wird den Mann gewordenen Sohn davon abhalten, daß er Mahnungen und Warnungen etwa brüsk zurückweist!“
Gedrückt klang die Klage: „So habe ich denn nichts mehr zu sagen und den Sohn soviel wie verloren – –!“
Soviel Pater Wilfrid sich bemühte, die hohe Frau zu trösten, es blieb vergeblich; die Fürstin erwies sich Trostworten nicht zugänglich in ihrem Seelenschmerze und verabschiedete sich mit Dank für die freilich sehr bittere Aufklärung.
Der Seelenkenner im Benediktinerhabit behielt recht mit seiner Voraussage. Emil verhielt sich seiner Erziehung entsprechend selbstverständlich einwandfrei im Verkehr mit der Mama bei Tisch und sonstigem Zusammentreffen, aber von der früheren Offenherzigkeit, vom bedingungslosen Gehorsam war keine Spur mehr vorhanden.
Der scharf beobachtenden Mutter konnte die schmerzliche Tatsache nicht entgehen, daß der Sohn grollte, der Mama nach Möglichkeit auswich. Um so mehr mühte sich die Fürstin ab, eine Annäherung und Versöhnung herbeizuführen, zumal sie befürchtete, daß die Verschlossenheit und das untätige Leben den Sohn auf schlimme Gedanken und gefährliche Streiche bringen könnte. Um eine Flucht zu verhindern, hielt die Fürstin Emil sehr knapp mit Geldmitteln. Dachte gar nicht daran, daß dieses Vorgehen den mündigen Sohn völlig erbittern mußte. Und ganz verfehlt war der Tadel der Untätigkeit, die mit liebeflehenden Worten verzuckerte Mahnung zu irgendeiner Beschäftigung, z. B. Übernahme der Oberleitung im Forst- und Jagdamt, Kontrolle der Beamten und Jäger.
Emil lehnte ab mit dem Hinweise auf Mangel an Sachverständnis.
Eines tat er aber doch, ohne Wissen der Mama, er staubte den Freikost und sonstige Benefizien schindenden Jäger Eichkitz aus dem Schlößl raus, so gründlich und scharf, daß dem hübschen Frechdachs Hören und Sehen verging. Jäh hatte das Schlemmerleben und auch die Beeinflussung der Gebieterin ein Ende. Daniel Eichkitz mußte im Hochreviere Dienst tun wie die anderen Jagdgehilfen.