Davon wollte aber Prinz Emil, dessen Augen die schöne Martina anblitzten, nichts wissen; er heuchelte Sehnsucht nach familiärem Zusammensein, das gestört würde durch ein minutiöses Erscheinen am Bahnhofe.
Hocherfreut nahm die Mama diese spitzbübische Heuchelei für Ernst und gab Befehl, daß ein eigener Wagen für den Grafen Thurn gesendet werde.
Während der Fahrt durch das in den Farben des Herbstes prangende Ennstal verhielt sich Emil schweigsam. Gleichgültig gegen die Pracht der himmelragenden Felskolosse, die das Tal besäumen. Um so größeres Interesse verriet der Blick für das bildhübsche Hoffräulein. Zu Martinas Unbehagen, denn fängt die Fürstin nur einen einzigen dieser brennendes Interesse kündenden Blicke auf, so wird eine bitterböse Situation heraufbeschworen sein. Unangenehm war sie jetzt schon während dieser dem „Vergnügen“ gewidmeten Fahrt durch die angespannte Aufmerksamkeit für die Gebieterin für den in jedem Moment möglichen Fall einer Ansprache, durch die Dienstesbereitschaft, durch den Zwang der Zurückdrängung von Gedanken, die sich mit Hartlieb beschäftigen wollten. Und wegen der brennenden Blicke Emils mußte Martina doch darüber nachdenken, wie sie der drohenden Gefahr entgegentreten solle, wie beizeiten die züngelnde Flamme gelöscht werden könne. Der erwachte Prinz muß toll geworden sein, von einem Sinnestaumel erfaßt; ein verzehrendes Feuer glüht in seinen flackernden Augen. Und der Tollgewordene wagte es sogar zu fußeln.
Martina mahnte mit einem tiefernsten Blick zur Vernunft, und scheu schielte sie nach der Fürstin, die gottlob von dem Gebaren des Sohnes nichts wahrgenommen zu haben schien und ihren Gedanken nachhing.
Emil gab auf die optische Mahnung hin Ruhe, aber am nervösen Zucken der Finger war zu erkennen, daß der junge Mann seine drängenden Sinne kaum länger wird beherrschen können.
Auf dem hochgelegenen Frauenberg angekommen, besuchte Fürstin Sophie, von Martina begleitet, sofort die doppeltürmige Wallfahrtskirche. Auch Emil ging mit, zur sichtlichen Freude der Mutter.
Als dann die Sehenswürdigkeiten besichtigt waren und der von Norbert gedeckte Tisch im schattigen Garten des behäbigen Gasthofes bezogen wurde, waren etliche Stunden verflossen. Immer noch zu früh für das von Emil geplante ländliche Diner. Und bei dem bestellten dünnen Kaffee mit trockenem Kuchen konnte die gewünschte Stimmung nicht eintreten. Das eisige Verhalten Martinas, die nur für die Gebieterin zu leben schien, machte Emil verdrossen.
Die Fürstin sprach von der überraschenden Stilverschiedenheit der Kirchen im Ennstale, besonders von dem Kontraste zwischen Admont und Frauenberg. Im Blasius-Münster edelste Gotik mit romanischen Portalen aus der Zeit des ersten Kirchenbaues, in Frauenberg hingegen ein italienischer Barockbau, prunkvolle Stuckarbeiten und prächtige farbenglühende Fresken. Zu Emil gewendet, sprach die Mama: „Du hattest doch Kunstgeschichte studiert, mußt also mehr verstehen als ich! Kannst du angeben, wie man dazu kam, just hier einen so reichen italienischen Barockbau aufzuführen?“
Emil hatte keine blasse Ahnung von Kunstgeschichte, aber die Inschrift der Grabplatte vor dem Hochaltare hatte er gelesen, und darauf sich stützend, von plötzlichem Übermut erfaßt, schwatzte er davon, daß der Erbauer von Frauenberg, der hier zu Ende des 17. Jahrhunderts beigesetzte Admonter Abt Adalbert aus dem Geschlecht der Heufler zu Rasen und Hohenbüchel ein Italiener gewesen sei.
„Mit dem Namen Heufler zu Rasen ein Italiener? Wie ist denn das möglich?“