Martina wimmerte: „Ich bitte inständigst, mir zu glauben, daß mich nicht die geringste Schuld trifft! Das Aufflackern des Strohfeuers ist mir unbegreiflich! Ich habe nichts, aber wirklich nichts getan, um eine Entzündung herbeizuführen!“
„Das will ich gern glauben! Es kann ja dieses ‚Feuerfangen‘ mit dem rasch erfolgten ‚Aufwachen‘ meines Sohnes in gewisser Verbindung stehen! Ein psychologisch nicht genügend aufgeklärter Vorgang in der Jünglingsseele! Für Emil sicher bedeutungslos, weil vorübergehend! Eine Kinderei! Mißlich ist freilich, daß die Kinderei Ihnen die Stellung kostet! Vielleicht gelingt es, Sie durch eine Heirat in gute Obhut zu bringen! Hofdame für Lebenszeit werden Sie ja doch nicht bleiben wollen! Was ich zu Ihrer Versorgung tun kann, soll gerne geschehen, auch finanziell! Wollen Sie sich gegebenenfalls vertrauensvoll und offen an mich wenden!“
Todtraurig wiederholte Martina die Beteuerung, daß sie frei von jeder Schuld sei.
Und darob empfand die Fürstin ein starkes Befremden. Sie ärgerte sich, daß das vermögenslose Fräulein das finanzielle Anerbieten ignorierte, alle Schuld dem Prinzen zuschieben will. In übler Laune sprach die Gebieterin davon, daß die Hofdame nicht ganz frei von Schuld sein könne, die „Intervention“ vermutlich zu wenig diplomatisch durchgeführt und dem Jungen eine Annäherung erlaubt habe, die zu üblen Folgen führen mußte.
Schluchzend wehrte sich Martina gegen diese Vorwürfe und verwies darauf, daß sie bei Entgegennahme des Auftrages zur Intervention auf die Gefahren derselben rechtzeitig aufmerksam gemacht habe.
Spitz klang die Antwort: „Sie werden doch nicht etwa mir Vorwürfe machen wollen? Erinnern Sie sich gefälligst, daß ich die Gefährlichkeit negierte in der selbstverständlichen Voraussetzung, daß das Hoffräulein klug und diplomatisch, mit Frauentakt interveniere! Genug davon! Was geschehen ist, soll totgeschwiegen werden! Damit Sie mit Emil möglichst wenig zusammentreffen, werden Sie für einige Zeit an der Tafel nicht teilnehmen, auf Ihrem Zimmer speisen! Auch sollen Sie einstweilen dienstfrei bleiben! Beschränken Sie Ihre Ausgänge auf das zur Bewegung unerläßliche Minimum, meiden Sie aber dabei jedes Zusammentreffen mit dem – Kinde! Und wenn nötig, weisen Sie den Jungen schroff zurück! Es tut mir leid, so sprechen und anordnen zu müssen, aber es muß eben sein! Ich hoffe, daß in einigen Wochen eine alle Teile befriedigende Lösung gefunden sein wird!“ Eine Handbewegung und Martina war entlassen.
Unmöglich war es Fräulein von Gussitsch, diesmal die strafende Hand der gnädigen Fürstin zu küssen. Zu sehr schmerzte jedes Wort, ganz besonders wurmten jedoch die Vorwürfe. Leise schluchzend verbeugte sich Martina und verließ das Zimmer.
Einer bösen, schlaflosen Nacht folgte ein kühler Morgen. Eingedenk des Befehles, Spaziergänge auf das Minimum zu beschränken und nach Möglichkeit ein Zusammentreffen mit dem „Kinde“ Emil von Schwarzenstein zu vermeiden, entschloß sich Martina zu Ausgängen jeweils am frühen Morgen und späten Abend. Und so verließ sie an diesem Morgen die Villa zu einer frühen Stunde, da das Küchenpersonal noch nicht sichtbar war. Hinaus ins Freie, hinein in den nebelumflorten Bergwald, wo die Tannen geheimnisvoll flüstern und die Hirsche orgeln...