„Irre werde ich an meinem Sohne! Lange Jahre ein träumerisches Wesen, Apathie, Schläfrigkeit, Stumpfsinn! Dann das Aufwachen mit nichts weniger denn erfreulichen Folgen! Unausgeglichenheit, ein Schwanken wie das Rohr im Winde! Ich fürchte, es fehlt am Charakter!“

Leise und schüchtern erwiderte Martina: „Verzeihung, Durchlaucht! Prinz Emil ist ja noch jung! Der beste Most braucht Zeit zur Klärung, dann wird guter Wein daraus!“

„Wenn Sie recht hätten, Martina, wie glücklich würde die Mutter sein! Es ist ja richtig, mit vierundzwanzig Jahren ist Emil noch sehr jung! In hohem Range kommt es fast nie vor, daß ein junger Mann mit diesen Jahren schon abgeklärt und willensstark, ernst und gefestet ist! Wenn er nur arbeiten, sich ernsthaft beschäftigen würde! Immer nur ein Anlauf, ein Stehenbleiben auf halbem Wege! – Doch nun wollen wir von Ihnen sprechen, liebe Martina! Sie bleiben bei mir, ja –? Und es bleibt, wie es war! Die dumme Geschichte mit Emil ist vorüber und soll begraben sein! Wenn sich aber noch einmal Gelegenheit bietet, soll Fräulein von Gussitsch aber doch...! Nein, davon wollen wir heute nicht sprechen!“

Hildegard meldete, daß Graf Thurn um Audienz bitte, und verschwand.

Die Fürstin verabschiedete sich von Martina und empfing im Salon den Hausmarschall, der um Gewährung eines zweitägigen Urlaubes zum Besuche des Prinzen Coburg in Schladming bat.

„Selbstverständlich genehmigt! Vermutlich eine Jagdeinladung?“

„Zu dienen!“

„Eben fällt mir ein, daß unserseits völlig vergessen wurde, Ihnen Abschußerlaubnis zu erteilen! Ich bitte, diese Vergeßlichkeit zu entschuldigen! Da mein Sohn soviel wie gar kein Jagdinteresse hegt, ist das Haller Jagdgut eigentlich zwecklos erworben worden! Ihnen, lieber Graf, stehen alle Reviere frei! Und wegen der Bejagung wollen Sie sich nur mit dem Jagdleiter Hartlieb ins Benehmen setzen! Hartlieb kann auch nach Gutdünken abschießen! Gute Reise, lieber Graf!“

„Untertänigsten Dank für so viel Huld und Gnade!“ Sophie nickte freundlich und fragte, ob der Graf sich am Lunch beteiligen werde.

„Mit gnädigster Erlaubnis möchte ich den Mittagszug benutzen!“