Freundlich bot er Emil fünfhundert Kronen an. „Wenn Durchlaucht damit gedient ist!“

„Oh, sehr angenehm! Hochwürden verpflichten mich zu besonderem Danke! Meine Situation ist derart mißlich, daß sie mich zwingt, Ihr liebenswürdiges Angebot anzunehmen wider bessere Einsicht, gegen Anstand und Sitte! Heillos unangenehme Situation! Verzeihen Sie meine Ungezogenheit, entschuldigen Sie in Gnaden meine Frechheit! Sie wissen ja: in der Not frißt der Teufel Fliegen! Der Prinz von Schwarzenstein auch! Also helfen Sie mir mit den fünfhundert Kronen aus der Not! Ich muß sie haben! Wegen Zinsen und Rückzahlung...“

„Bitte, jedes weitere Wort ist überflüssig! Ecco!“ Damit gab Wilfrid dem Prinzen die Scheine, die Emil sofort in der Westentasche verschwinden ließ.

„Vergelt’s Gott vieltausendmal für diese Hilfe in der Not!“ Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete sich der Prinz vom gefälligen Priester.

Ohne das geringste Gepäck fuhr Emil mit dem Mittagszuge von Admont nach Selztal, wo er den Schnellzug nach dem Süden benutzte. Und in Udine gab er ein Telegramm an Mama auf des Inhaltes, daß er genötigt sei, in dringender Angelegenheit für einige Zeit zu verreisen.

Die Bestürzung und Angst über Emils Verschwinden wurde durch diese Depesche beseitigt, nicht aber die Sorge vor bösen Komplikationen. Aus dem Aufgabeorte Udine konnte die Fürstin unschwer erraten, welcher Art die dringende Angelegenheit sein werde. Wenngleich nun nicht zu befürchten stand, daß Graf Thurn, falls ihn Emil findet, je die Hand zu Dummheiten bieten wird, die Fürstin fühlte sich beunruhigt, sie bangte um den Sohn, der ohne jede Begleitung, ohne Schutz, ohne größeres Gepäck und gänzlich mittellos in Italien weilte. Mama sah in Emil immer noch und nur das Mutterbubi, jetzt hilflos allen Fährlichkeiten der Welt preisgegeben; daher die Angst, das Entsetzen, daß dem verhätschelten Liebling, dem so lange gegängelten Herzensbubi Unheil zustoßen könnte und werde. Daß Emil längst „erwacht“ war, vergaß die Mutter, sie dachte auch nicht daran, wie sehr sie gewünscht und ersehnt hatte, es möge der Sohn eine – stahlharte Energie sich erringen. Auf Tatkraft und Schneid deutete dieser Sprung in die Welt, doch dies vermochte die Fürstin nicht zu erkennen. Der Liebling hilflos im Welschland! Diese entsetzliche Tatsache peinigte die Mutter um so mehr, als sie außerstande war, dem Sohne Geld zu senden, da seine Adresse unbekannt war. In diesen Stunden der Angst und Sorge war die Fürstin bereit, Tausende zu opfern, um nur den Liebling schleunigst wieder zu erhalten. Sie dachte auch daran, dem Grafen Thurn nach Mailand Geld für Emil zu senden. Aber der Gedanke wurde verworfen, aus triftigen Gründen. Reiche Geldmittel würden dem Sohne sicher den Nacken steifen, „Bubi“ veranlassen, erst recht in Italien zu bleiben und dumme Streiche zu machen. Viel besser wird es sein, den Jungen zappeln und mürbe werden zu lassen. Die Not wird ihm die Liebes- und Heiratsmucken schon austreiben.

Aber der Gedanke, daß Emil Not leiden müsse, vielleicht obdachlos sei, als Landstreicher aufgegriffen, als Schwindler an die Grenze abgeschoben und der Polizei übergeben werde, verursachte eine Aufregung und Angst, die die Fürstin nahezu krank machte. Dazu die Unmöglichkeit, mit Fräulein von Gussitsch über diesen Streich des Sohnes zu sprechen. Unmöglich! Trotz des Bedürfnisses, sich die Angst von der schwer bedrückten Seele zu sprechen. Die Sorgen hinunterwürgen, totschweigen den neuen Skandal.

In ihrem Jammer ließ die Fürstin tags darauf den Pater Wilfrid zu sich bitten. Dem Priester vertraute sie ihr Leid an: das Verschwinden des Sohnes, die Befürchtung, daß Emil versuchen werde, dem Grafen Thurn die Erlaubnis zur Verlobung mit Komtesse Isotta abzutrotzen oder abzuschmeicheln. Dabei ließ die Fürstin durchleuchten, daß für einen Prinzen die Heirat einer Grafentochter als wenig standesgemäß nicht in Betracht kommen könne. Trotz aller Herzensnot doch Hochmut...

Pater Wilfrid war nicht wenig überrascht von diesen Mitteilungen. Nun wußte er doch, wozu der Prinz das gepumpte Geld benötigte. Von einer Ehrensache hatte der Schlingel geflunkert! Von der Tatsache, daß der Hofpfarrer selbst mit seinem Gelde Emil den Sprung in die Welt ermöglichte, darf die Fürstin natürlich kein Sterbenswörtchen erfahren. Dieses Geheimnis muß Wilfrid peinlichst bewahren.

„Helfen Sie mir doch, Hochwürden! Raten Sie mir, was soll ich tun! Die Situation ist ja gräßlich!“