Wilfrid suchte sich aus der Verlegenheit zu ziehen, indem er vorschlug, es möge Durchlaucht an den Grafen Thurn nach Mailand oder wo er sonst Aufenthalt nehmen könnte, die telegraphische Bitte richten, mit der Tochter rasch eine große Reise, vielleicht über See, anzutreten. „Ist das Schiff mit Thurn an Bord abgegangen, bevor Prinz Emil die betreffende Hafenstadt erreichte, so wird er die zwecklose Suche wohl bald aufgeben und mangels Reisegeld reumütig heimkehren! Meine ich unmaßgeblichst!“
Sofort ging die Fürstin darauf ein. Sie schrieb drei Depeschen und bat Pater Wilfrid, diese mitzunehmen und in Admont aufzugeben. „Col tempo presto! Subito!“ Die Fürstin ließ anspannen, den geistlichen Vertrauensmann zu Wagen nach Admont bringen, um Zeit zu gewinnen. Und so sehr drängte sie zur Eile, daß Pater Wilfrid selber zappelig wurde. Unterwegs erst fiel ihm ein, daß die Fürstin völlig vergessen hatte, ihm Geld zur Zahlung der Telegrammgebühren zu behändigen. Wilfrid pfiff leise durch die Zähne und dachte sich allerlei über die Mucken des Hofdienstes...
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Mit einiger Verspätung war die Kunde vom Verschwinden des Prinzen Emil auch in das stille Forsthaus, in die Kanzlei Hartliebs, gedrungen, und zwar durch Frau Gnugesser, die den Oberförster mit der Frage überraschte, ob er schon wisse, daß der Prinz plötzlich „durchgegangen“ sei. Das jähe Entsetzen ob dieser Schreckensnachricht hatte Ambros ein einziges Wort abgepreßt: „Allein?“
Auf diese kurze Frage hatte Frau Amanda lachend mit einer Gegenfrage geantwortet: „Mit wem hätte denn der Prinz durchbrennen sollen?“
Worauf Hartlieb mit flammendem Antlitz fluchtähnlich die Treppe hinaufgestürmt war, um von seinem Seelenzustande nicht noch mehr zu verraten. Allein mußte er sein mit seinen Gedanken und Gefühlen, mit der überquellenden Freude... Fort der Prinz, ohne Begleitung. Demnach mußte sich Martina hier befinden, also kann es nicht wahr sein, daß Prinz Emil sich mit dem Hoffräulein verlobt habe. Was die Kammerfrau Hildegard mitteilte, war nichts als Tratsch.
Und ist Martina frei, dann kann Ambros es wagen, um ihre Hand zu bitten...! Darf er aber auf die Zustimmung hoffen? Und kann ein Ehebund geschlossen werden im jetzigen Dienstverhältnisse? Ist die Stellung des Oberförsters so fest gegründet, daß der Oberbeamte heiraten kann? Freie Hand in Dienstangelegenheiten hat man ihm wieder gegeben, den Oberbeamten in seine Rechte eingesetzt. Wie wird sich jedoch die Zukunft gestalten, wenn infolge der Flucht des Prinzen die Fürstin das Haller Jagdgut verkauft? Ihr wird der Besitz verleidet sein! Ein besonderes Interesse an Jagd und Wild ist ohnehin nicht vorhanden! Überdruß und schlechte Laune können sie sehr leicht und rasch veranlassen, die Besitzung abzustoßen, wegzugeben selbst mit bedeutendem Verlust!
Wird ein neuer Eigentümer die Beamten im Dienst übernehmen, dem Oberförster die Heirat gestatten?
Diese schwer auf die Seele drückenden Fragen machten Ambros kleinlaut, die Sorge vor der Zukunft nagte, biß die Hoffnungen tot. Nur eines konnte die Sorge nicht vernichten: das Bewußtsein der Tüchtigkeit des Beamten im Berufe. Dieses Bewußtsein hielt aufrecht, gab Mut und neue Hoffnung. Wie eine Erleuchtung kam es über Hartlieb, ein heller und kluger Gedanke: Tu, wozu das Herz dich antreibt! Übernommen wird der Oberbeamte sicher, und ist er bereits verheiratet, so braucht er nicht erst um den Ehekonsens zu bitten!
Optimist, ein Hellseher, ein sonniger Mensch wurde Ambros in dieser Stunde, zum mindesten hatte er die Sonne froher Hoffnung jetzt in der Brust. Und dieses Leuchten in der Seele konnten die Nebelschwaden in Berg und Wald nicht verschleiern, nicht verlöschen.