So entschloß sich denn Hartlieb zum Gang in das Schlößl. Mit Mustela-Martina wollte er sprechen, um ihre Hand bitten.
Da klopfte es, und der Forstwart Gnugesser schob sein Bäuchlein in die Kanzlei. Dienstliche Runzeln statt des üblichen Lächelns der Gutmütigkeit auf der Stirne. Kläglich klangen seine Worte, der Bericht, daß der Holzhändler mehr als vereinbart geschlägert und die Plätzzeichen der Grenzbäume herausgehauen habe. Gnugesser wollte wissen, was er in diesem Falle tun und wie er dienstlich gegen diesen Betrug vorgehen solle.
Der ernste, pflichttreue Oberförster zeigte sich wohl zum ersten Male im Dienstesleben ungeduldig, fast ungehalten über die Störung; zappelig und rasch rief er: „Sofort Anzeige bei der Gendarmerie erstatten! Beseitigung der Plätzzeichen an Grenzbäumen ist Urkundenfälschung! Veranlassen Sie das Weitere in eigener Kompetenz! Ich habe keine Zeit! Adieu!“ Und er stürmte aus der Kanzlei, ehe der überraschte Forstwart auch nur ein weiteres Wort über die bebuschten Lippen bringen konnte. Langsam stapfte Beni die Treppe hinunter. Und schwer wälzte er die Gedanken durch den Kopf, daß Waldbäume Urkunden sein können. Doch mählich begriff er, was Hartlieb mit dem fremd klingenden Ausspruch sagen wollte.
Im Jagdschlößl wimmelte alles durcheinander wie in einem Ameisenhaufen; ein emsiges Packen von Koffern, Handtaschen, Hutschachteln. Weder Hildegard noch Norbert hatten für den Oberförster Zeit, sosehr beschäftigt waren sie mit den Vorbereitungen zur Abreise. Nur sehr flüchtig in wenigen Worten gab der alte Kammerdiener Auskunft, daß plötzlich der Befehl zur Reise nach Italien erteilt worden sei. Ein jäher Schreck fiel Hartlieb in das klopfende Herz. Wird Martina die Gebieterin begleiten? Werden die Damen zurückkehren?
Während Ambros überdachte, wie er sich verhalten solle, wollte die Hofköchin an ihm vorbeihuschen. Rasch fing er die üppige Restituta ab, hielt die aufschreiende tugendsame Maid mit eisernem Griffe fest und bat sie, ihn zum Hoffräulein zu führen, das er dienstlich sprechen müsse. Zwar blickte Restituta ihn sehr mißtrauisch an, doch der Hinweis auf den Dienst veranlaßte sie doch, den Förster in das obere Stockwerk zu führen und ihn bei Fräulein von Gussitsch anzumelden.
Auch Martina war mit dem Kofferpacken beschäftigt; sie guckte sehr überrascht, als Hartlieb mit fast ängstlicher Miene an der Türe stand und flehentliche Blicke auf sie richtete.
Vom großen Reisekoffer wegtretend, ging Martina dem Oberförster entgegen, reichte ihm die Hand und bat Platz zu nehmen. „Womit kann ich dienen? Wie Sie sehen, sind wir eifrig mit den Vorbereitungen zur Abreise beschäftigt!“
„Verzeihung, daß ich störe! Aber es muß sein! Ich kann gnädiges Fräulein nicht abreisen lassen...“ Hartlieb hielt inne und blickte Martina bittend an.
Erglühend erwiderte sie: „Sie können mich nicht abreisen lassen? Weshalb? Ich muß aber laut Befehl die Fürstin begleiten!“
„Ja! Sie müssen laut Befehl!“ Wie ein schwaches Echo klangen Hartliebs Worte, heiser, wehmütig, angsterfüllt. Fahl war sein Gesicht, eine rührende Bitte lag in seinen Augen.