„Verzeihung, Durchlaucht! Ein liebend Weib scheut diesen Sprung nicht, geht mit dem Geliebten vereint, so es sein muß, auch in den Tod! Prinz Emil und Komtesse Thurn lieben sich ehrlich und heiß, daher diese eiserne Entschlossenheit, dieser Mut, gegen alle Hindernisse anzukämpfen! – Was die erwähnte momentane Mittellosigkeit anbelangt, so hat sie nicht viel zu bedeuten; ein Prinz Schwarzenstein wird rasch Geldgeber finden, Name und Rang verschaffen Kredit! Allerdings wird Prinz Emil auf diese Weise in Wuchererhände geraten, und die fürstliche Privatschatulle wird schwere Opfer bringen müssen, um den Prinzen aus den Wuchererhänden zu befreien! Was aber in der Brust des Prinzen verbleiben und wie ein Stachel wirken wird, das wird die Verbitterung, der Trotz, wenn nicht Haß sein! In dieser Erwägung dürfte es sich empfehlen, allen Komplikationen und Konsequenzen ein Ende zu machen durch Gewährung der Bitte...!“

„Ich soll also zustimmend antworten?“ Fast tonlos und schwer seufzend sprach die Fürstin diese Worte.

„Ja, Durchlaucht! Die Liebe der Mutter zum Sohne kann auch dieses Opfer bringen!“ sprach offen, in erquickender Ehrlichkeit Martina. Und hellen Tones fügte sie bei: „Was den Entschluß zur Opferdarbringung erschwert, ist lediglich der Gedanke, daß ein Ultimatum gestellt wurde! Jedes Ultimatum reizt zum Widerstande, weckt Entrüstung; besonders aufreizend wird ein Ultimatum dann sein, wenn es vom Kinde gegen die eigene Mutter gerichtet wird! In diesem Falle muß aber die Mutterliebe größer sein als die an sich berechtigte Entrüstung! Die Liebe kann alles, sie überwindet alles! Das Größte, das Heiligste ist die Mutterliebe, größer, heißer und opferwilliger als die Liebe des Weibes zum Manne, denn die Mutter liebte den Sohn ja schon von der Stunde an, da sie ihm das Leben gegeben! Können sich Durchlaucht zu dem großen Opfer aufraffen, der Lohn wird groß, schön und beseligend sein, denn die Mutter gewinnt die Liebe des Sohnes wieder, weckt die Dankbarkeit in der Kinderbrust, gewinnt eine dankbare Tochter dazu!“ Martina hatte sich warm gesprochen, Tränen liefen ihr über die Wangen.

Die Fürstin schluchzte. In tiefer Bewegung reichte sie dem Hoffräulein die Hand, und weinend dankte sie für die Anteilnahme, für das Mitempfinden in schwerer Stunde. Martina küßte die Hand der seelisch erschütterten Frau.

Und die Fürstin zog das tapfere Mädchen gleich einer Schwester an sich, legte den Arm um Martinas Nacken und lehnte das tränenfeuchte Antlitz an die Schulter der in dieser Viertelstunde zur Freundin gewordenen Hofdame. Und leise sprach die hohe Frau: „Ich habe den Sohn verloren, durch Sie kann ich ihn wiedererhalten! Drum will ich tun, was Sie mir raten!“ Langsam, zart und weich löste Sophie die Umarmung. Dann diktierte sie Martina zwei Depeschen, die Zustimmung zu Emils Verlobung mit Isotta und die Ablehnung der Bitte Thurns wegen der Demission.

Während des Schreibens war Martina dem Heulen nahe, so mächtig wirkte das von der Mutterliebe gebrachte Opfer auf die eigene Seele. Dicke Zähren tropften auf das Papier. Und auch die Fürstin hatte viel an den Augen zu wischen. Doch ziemlich gefaßt bat sie dann, es möge Martina nach Admont fahren und die Depeschen als dringend aufgeben.

Martina erhob sich, steckte die Telegramme ein und öffnete den kleinen Mund, so daß die Marderzähnchen blinkten. Wollte reden und wagte es nicht...

Gütig und weich fragte Sophie: „Wollen Sie mir noch etwas sagen?“

Jetzt war der wichtige Moment da, es muß gesprochen werden. Tapfer richtete sich das zierliche hübsche Fräulein auf, trippelte auf die Fürstin zu, küßte ihr demütig die Hand und bettelte innigen, zu Herzen gehenden Tones: „Verzeihung, Durchlaucht! Darf mich Herr Hartlieb im Wagen begleiten?“