Vor dem geistigen Auge zogen die Ereignisse der jüngstverflossenen Zeit vorüber: die Rückkehr des glückstrahlenden Sohnes, an seiner Seite die Braut in gedrückter Stimmung, scheu und verschüchtert, sich vor der Mama des Bräutigams fürchtend. Gedrückt auch Graf Thurn, dem vom alten ehrlichen Gesicht abzulesen war, wie sehr er litt unter dem Druck der Schicksalsfügung.
Sophie fühlte noch immer die bangen Minuten, da die Augen von Vater und Tochter auf sie gerichtet waren, flehend um Gnade und Verzeihung. Und wie damals klopfte auch jetzt noch das Herz in Erinnerung. Wie schwer war es doch, das rechte Wort zu finden, die Autorität zu wahren, zu rügen, ohne weh zu tun, fühlen zu lassen, welch großer Schmerz der Mutter zugefügt worden war. Ein schwerer Kampf um das rechte Wort war es, aber das Wort hatte die Mutter nicht gefunden, überhaupt nichts gesprochen. Den Sohn umarmt und geküßt, nach ihm die Komtesse verzeihend an die klopfende Brust gezogen. Wodurch ein Tränenwildbach aus Isottas Augen entfesselt wurde.
Richtig gehandelt mußte die Mama doch haben, denn nie im Leben war sie so innig geküßt worden...
Dem alten treuen Hausmarschall hatte die Fürstin die Hand gereicht, auf die Thurn einen Kuß drückte, viel zu lang, vielsagend, in unaussprechlicher Dankbarkeit.
Damit war das Schwerste, der Empfang der Heimgekehrten, überwunden.
Leben ins Haus brachte der quecksilbrig gewordene Sohn. Welchen Wandel hatte doch Emil durchgemacht! Erst ein Träumer, schläfrig, geistig zurückgeblieben zum Jammer der Mutter. Und dann das Erwachen zu einem impulsiven Menschen. Und was die Mutter ersehnte: stahlharte Energie, Emil erwarb sie sich; allerdings zu früh und nicht eben auf einem erwünschten Wege.
Sophie gedachte der Trauung im Haller Kirchlein. Eine sehr schlichte Feier unter Ausschluß aller Öffentlichkeit. Sehr ergreifend und für die Fürstin schmerzlich, weil sie den Gedanken an eine Mesalliance nicht loswerden konnte. Eine Enttäuschung blieb diese Heirat doch. Eine Bedrückung der Seele. Die Last mußte getragen werden. Und sie wird weiter getragen in der Hoffnung, daß die Ehe eine glückliche werde.
Viel Enttäuschungen, zuviel! Für Emil war das Haller Jagdgut gekauft worden... Auf die Schwarzensteinsche Herrschaft in Böhmen will er sich nach der Hochzeitsreise zurückziehen und seinen Kohl selber bauen. Ein reines Ökonomiegut, ohne Jagd.
Sophie fragte sich, ob denn sie selbst ein nennenswertes Interesse für die Jagd entwickelt hatte. Und sie mußte diese Frage rundweg verneinen. Allerdings gab es auch viele Ablenkung und Hindernisse. Ein Jagdgut, auf dem das Weidwerk nicht ausgeübt wird, gehört wohl in andere Hände...
Martina kam und meldete sich zum Dienst. Mit roten Backen vom Spaziergange in frischer Schneeluft, munter und seelenvergnügt bei allem höfischen Respekt.