Eine Stunde später standen die Damen mit Hartlieb vor einer ziemlich breiten Mulde, wo es von Gams wimmelte. Und was für gute Gams! Und viel Leben!

Trieb hier ein starker Bock einen Rivalen in sausender Fahrt aus dem Machtbereiche, unweit davon suchte ein anderer Bock ein Rudel anzupirschen, das ein Kapitaler beherrschte und bewachte. Am Muldenrande stand ein sehr guter Bock, prüfte den Wind, der aufwärts strich im Sonnenlichte, und zog die Oberlippe hinauf, wie es alle Brunftböcke tun, wenn sie sich von der Witterung überzeugen wollen. Und davon mußte er nicht genügend in den Windfang bekommen haben, denn er blieb stehen und äugte forschend nach den benachbarten Rudeln. Dann schüttelte er die dicke schwarze Winterdecke, so daß der stattliche gereimelte Bart auf dem Rücken hin und her wackelte.

Köstlich war dieser gute Anblick. Martina saß auf einem Felsblock in größerer Entfernung und schwelgte im Genuß, der sich steigerte, als sie zwischen den Gemsen etliche Steinhühner gewahrte, die sich ihr Gefieder putzten und dann so geschäftig zwischen den Gemsen hin und her liefen, als hätten sie wunder was und enorm viel zu tun. Hoch über der Mulde kreisten Kolkraben und ließen ihren Ruf ertönen: Krook, krook!

Noch immer stand der Kapitale wannenbreit in einer Distanz von etwa fünfzig Metern. Hartlieb deutete durch einen Blick an, daß die Fürstin schießen solle.

Während sich Sophie fertigmachte, scharrte der Bock den Schnee weg.

Der Schuß fiel. Der Kapitale verhoffte, äugte und schien sich über die Schußrichtung nicht klar zu sein. Aber mit der Ruhe in der Mulde war es nun vorbei, Geißen und Kitze wurden erregt und begannen zu pfeifen, und mit einem Male waren nur die Spiegel zu sehen, die ganze Gesellschaft suchte in gewaltigen Fluchten Schutz in den verschiedenen Latschendickungen, von denen das Schmelzwasser tropfte. Auch der Kapitale war mitgegangen in eleganter Flucht; doch der Schwarze kehrte bald um, zog der Fürstin entgegen und blieb in Nähe eines Krummholzgestrüppes stehen.

Wieder gab die Fürstin Feuer, die Kugel warf den Kapitalen um, doch kam er rasch wieder auf die Läufe, blieb aber schwerkrank mit gekrümmtem Rücken stehen. Aus dem Latschengestrüpp fuhr ein schwarzer Teufel heraus, und sehr interessiert untersuchte er die Schweißfährte des Schwerkranken und stieg dann um den Kameraden in Haltung der Brunftböcke herum, bis der Kranke sich wegschleppte und dann niedertat.

Was sich nun ereignete, empörte die Fürstin und versetzte sie in Wut.

Der gesunde Schwarze stürzte auf den schwerkranken Kameraden und suchte ihn aufzutreiben. Vergebens, denn es fehlte bereits an Kraft. Blitzesschnell schlug nun der Gesunde die Krickeln in die Drossel des Kranken, zerrte und riß ihn nach vorne etwas in die Höhe. Der Gepeinigte klagte laut, worauf der Gesunde von seinem Opfer abließ. Doch nur für wenige Augenblicke war Ruhe. Erneut fuhr der Teufel auf den im Verenden liegenden Kameraden los.

Jetzt feuerte die Fürstin mit ihrem Repetierstutzen mehrmals, Schuß auf Schuß, zu hoch, zu tief und daneben. Eine Kugel faßte den Teufel aber doch, links vom Blatt. Ein Sprung in die Höhe, ein rasend schnelles dreimaliges Drehen im Kreise, dann stürzte der schwarze Bursch und schlegelte mit den Läufen. Er hatte genug. Die Fürstin aber schrie wie toll...