Die Begrüßungsfeierlichkeit am festlich geschmückten Forsthause war beendet, die Fürstin und das Gefolge zum Jagdschlößl gefahren, das drei Kilometer tiefer im einsamen waldreichen Halltale stand. Die Jagdgehilfen hatten sich entfernt, um noch Dienst in den Revieren zu tun; Forstwart Gnugesser hockte verstimmt in seiner Wohnung.

Froh dessen, daß die Feierlichkeit gut verlaufen war und die neue Gebieterin in Erwiderung auf die Ansprache des Pfarrers und auf das „Weidmannsheil“ der Jägerei erklärt hatte, daß die Jagdherrin einen richtigen Jagdbetrieb wünsche und mit allen im Frieden leben möchte, lud der Oberförster den „Festredner“ Pater Wilfrid ein, in der Jagdamtskanzlei einer Flasche den Hals zu brechen, ein Rauchopfer darzubringen und die Zeit mit Geplauder bis zum Dinerbeginn auszufüllen.

Pater Wilfrid willigte unter der Bedingung ein, daß er eine Stunde auf den Besuch des Priesters bei der kranken Siebenbrunner Bäuerin verwenden dürfe.

Während Pater Wilfrid die Treppe hinanstieg, bat Hartlieb Frau Amanda um Besorgung von Gläsern, Brot und etwas Schinken. Der Oberförster holte den Wein aus dem Keller.

Sichtlich verdrossen servierte Frau Amanda den Herren in der Kanzlei. Das ihr von Hartlieb angebotene Glas Wein lehnte sie ab mit dem Hinweise, daß sie erstens Abstinenzlerin und zweitens nicht in der Stimmung sei, ein Fest zu feiern, nachdem die Fürstin den Forstwart ignoriert und ihn nicht zum Diner eingeladen habe.

Begütigend griff Pater Wilfrid ein: „Liebe Frau Forstwart! Nur nicht brummen, wird schon kummen! Das Speisezimmer in dem Schlößl ist ein beschränkter Raum, es können nicht viele Gäste zu Tische sein! Der Herr Forstwart wird sicher ein andermal zur Tafel befohlen werden! Wenn ich Ihnen einen Rat erteilen darf, lautet er wohlmeinend und freundlich dahin: den Ärger unterdrücken, ein freundliches Gesicht auch dann zeigen, wenn der Mensch Essig und Galle auf der Zunge hat! Fürstlichkeiten muß man jeden Verdruß ersparen! Jedenfalls wird die Fürstin die Frau Forstwart gelegentlich besuchen; es wäre unklug, wenn Frau Gnugesser solchen auszeichnenden und vielleicht auch wichtigen und bedeutungsvollen Besuch unmöglich machen würde! Übrigens irren Sie, liebe Frau Forstwart, wenn Sie glauben, daß ein sogenanntes Festdiner ein Vergnügen ist! Genau genommen ist es eine Dienstessache, steife Etikette, es heißt schrecklich aufpassen und schweigen; antworten darf man nur, wenn man gefragt wurde; das Essen ist Nebensache, es wird mit wahnsinniger Eile serviert, weil die Hoheiten wie die Dienerschaft die Gäste möglichst schnell verschwinden zu sehen wünschen!“ Pater Wilfrid beschattete mit der rechten Hand seine lachenden Augen.

„Also nix für uns!“ rief Frau Amanda, die jedes Wort des hofkundigen Geistlichen glaubte, und zog sich zurück.

Aber auch Hartlieb in seiner Furcht vor dem Hofdienst hielt die Äußerung des Pfarrers für ernst gemeint und sprach davon, daß er die Einladung fürchte.

Nun schmunzelte Pater Wilfrid und witzelte: „Auch du, Brutus? Man sollte es nicht für möglich halten, daß handgreiflicher Scherz für blutigen Ernst genommen werde!“ Und nun gestand der joviale Benediktiner, daß er die Schilderung des Hofdiners absichtlich übertrieben habe, um der verärgerten Forstwartsfrau den Stachel aus der Seele zu nehmen. Das Frauenzimmer solle nur glauben, daß die Teilnahme an einer Festtafel für die Eingeladenen eine Qual sei; die Frau Gnugesser werde sich dann nach einer solchen Einladung nicht sehnen. „Das war der Zweck meiner Äußerung! Nun und nimmer hätte ich geglaubt, daß mein Freund Hartlieb darauf reinfallen könnte! Also nur keine Angst vor dem Festdiner! Eines wird aber gut sein: vorher essen, egal was, damit der Eingeladene nicht hungrig zur Festtafel komme! Also: Prost! Und ein Happen Schinken ist nicht ohne! Rauchen ist erlaubt, nur muß man vor Dinerbeginn den Mund ausspülen oder Pfefferminz nehmen, damit namentlich empfindliche Damen und ihre Geruchsorgane nicht beleidigt werden!“

Hartlieb taute etwas auf, lächelte und drohte mit dem Zeigefinger: „Pater Wilfrid von Springenfels, gerissener Diplomat, ein mit allen Salben geschmierter Höfling! Im Nebenamte Pfarrer! Wo bleibt die Wahrheitsliebe?“