Pater Wilfrid streckte die Finger, daß sie knackten, und meinte lachend: „Na ja, es ist ein alter Schnee, daß ein Hofmann nicht immer mit der absoluten Wahrheit durch das Leben gehen kann! Es gibt zahlreiche Situationen, die Notlügen geradezu erzwingen! Für den Fall, daß eine harmlose Notlüge Gutes beabsichtigt und erreicht, wird die Sünde nicht besonders groß oder schwer und gewissermaßen berechtigt sein! In solcher Erwägung habe ich als Hofmann die Frau Gnugesser ‚angeblümelt‘! Hoffentlich wird der Zweck erreicht! So, nun aber möchte ich als Pfarrer die kranke Bäuerin besuchen! Wir treffen uns zehn Minuten vor sieben Uhr vor dem Jagdschlößl! Auf Wiedersehen!“

Hartlieb begleitete den geistlichen Freund zur Treppe, und zur Verabschiedung fragte der Förster noch schnell, in welchem Anzug man zur Festtafel zu erscheinen habe.

„Dienstuniform besserer Art oder Steierertracht! Wird in der Bergeinsamkeit nicht so genau genommen von den hohen Herrschaften! Ich erscheine ja auch, wie Figura zeigt, mit schwarzem Strohhut, nicht mit der Angströhre! Couleur freilich schwarz, wegen unverbesserlich klerikaler Gesinnung!“ Lachend ging der liebenswürdige Schalk...

In die Kanzlei zurückkehrend, beneidete Hartlieb den Benediktiner um seinen Humor und um die Weltgewandtheit...

Graf Thurn, der die Fürstin zum Jagdschlößl geleitet hatte, verließ es eben, um sich eiligst zum Forsthause zu begeben und Toilette für das Diner zu machen.

Als es Zeit wurde, zum Diner zu gehen, lud Graf Thurn den Oberförster zur Begleitung ein. Und unterwegs brachte der Hofchef das Gespräch auf Wildschaden und deren Behandlung seitens des Jagdamtes.

Aus den präzisen Äußerungen Hartliebs klang die Versicherung, daß ohne Strenge und Ernst nicht durchzukommen sei. Die Ansprüche der Bauern gingen nicht nur ins Maßlose, der Wildschaden werde zuweilen sogar künstlich auf sogenannten Wildschadenackerln erzeugt, um den Jagdbesitzer schamlos schröpfen zu können. Der dümmste Bauer entwickle auf diesem Gebiete der Täuschung und Schädigung der Jagdkasse eine erstaunliche Raffiniertheit, die zu strengstem Vorgehen zwinge. Wo es sich um wirklichen, vom Hochwild hervorgerufenen Schaden handle, sei bisher stets nach Recht vergütet worden. Schwindel und Betrug hingegen wurde mit rücksichtsloser und unerbittlicher Strenge bekämpft und geahndet.

„Nun ja! Der Fachmann muß die Verhältnisse kennen! Ich will mich nicht einmischen, diese Angelegenheiten liegen außerhalb meiner Kompetenz! Sollte je die Sprache darauf kommen, möchte ich den Jagdleiter im voraus dahin informiert haben, daß unsere hohe Gebieterin den Frieden wünscht! Durchlaucht wird Ihnen Milde nahelegen!“

„Milde ist in unseren Revieren deplaziert und kostet schwer Geld! Und Milde erreicht niemals Zufriedenheit, macht die Querulanten und Schwindler nur übermütig und in ihren Forderungen unersättlich!“