„Sagen Sie das nicht der Fürstin! Es klingt zu scharf und hart für Damenohren! Würde den Jagdleiter im Lichte der Grausamkeit erscheinen lassen! Bedenken Sie, daß unser Jagdherr eine Dame ist!“
Schatten huschten über Hartliebs Gesicht. „Zu Befehl, Herr Graf! Ich danke Ihnen für die gütige Information!“
„Nehmen Sie meine gutgemeinten Worte nicht übel! Ich wollte Ihnen nützen!“
„Besten Dank, Herr Graf, für Ihr Wohlwollen! Darf ich fragen, ob für morgen oder die nächsten Tage Befehle zu Jagden zu gewärtigen sind? Wenn ja, müßten noch heute Dispositionen getroffen werden, je nachdem die Fürstin pirschen, drücken, riegeln oder treiben lassen will!“
„Bis zur Stunde ist irgendeine Andeutung nicht erfolgt! Vielleicht hören wir beim Diner Näheres darüber! Ich möchte übrigens darauf aufmerksam machen, daß Änderungen von Absichten, plötzliche Zurücknahme von erteilten Befehlen nichts Seltenes sind! Derlei darf und soll den Jagdleiter niemals verdrießen; er muß sich stets vor Augen halten, daß eine Dame gebietet! Und immer Rücksicht nehmen auf die Fürstin, die ja auch Kummer und Sorgen hat!“
In Nähe des Jagdschlößls wartete Pater Wilfrid, der sich den angekommenen Herren sogleich anschloß. Graf Thurn führte die Gäste hinauf in den Empfangssalon und blieb bei ihnen.
Ein kleiner lichter Raum, mit Zirbenholz getäfelt, an den Wänden etliche, nicht üble Jagdgemälde älterer Meister, Rohrstühle mit hohen Lehnen um einen ovalen Tisch, dessen Zirbenplatte eine hübsch entwickelte Blaufichte trug.
Hartlieb stand auf dem gelben Parkett wie auf glühenden Kohlen, unsicher, unbehaglich, in der Stimmung, die sich im steierischen Dialekt mit knappen drei Worten ausdrücken läßt: „Außi möcht i!“ Vieltausendmal lieber im Bergwalde bei schlechtestem Wetter, denn hier im Salon, des Erscheinens der Fürstin gewärtig. Derlei Situationen gewohnt, plauderten Pater Wilfrid und Graf Thurn gedämpften Tones, und der elegante Benediktiner erzählte köstliche Audienzwitze, lustige Mißverständnisse, die er geheimnisvoll flüsterte und dazu eine wahre Leichenbittermiene machte.
Die Türe wurde geöffnet, Fürstin Sophie von Schwarzenstein trat lächelnd und elastisch ein. „‚Grüß Gott‘ dem Priester, ‚Weidmannsheil‘ unserem Jagdleiter!“ sprach sie frisch und munter und reichte den Herren die schmale weiße Hand. Eine Fünfzigerin von schlanker Gestalt, noch immer eine schöne Frau, volle Büste, die Anmut der Wienerin. Leicht ergraut das Haar, Sorgenfalten um die Augen und Lippen. Einfache, dennoch elegante Dinertoilette, grauer Rock, schwarze Seidenbluse, am Halse eine Brosche von Gold mit gefaßten Hirschgrandeln.