Pater Wilfrid hauchte einen Kuß auf die Hand der Fürstin. Hartlieb begnügte sich mit einem scheuen Händedruck und stand dann bolzengerade, stumm, den Blick auf die Türe zum Speisezimmer gerichtet, durch die im leisen Katzenschritt die Hofdame kam. Ein einziger Blick und Hartliebs Wangen flammten, ein Prickeln in den Händen, ein Hämmern in den Schläfen, ein Flimmern und Gleißen vor den Weidmannsaugen. Im Nu des ersten Blickes auf diese in duftiges Weiß gekleidete Frauengestalt entstand der Gedanke an Mustela martes, an den Edelmarder. Geschmeidig und biegsam der Körper, scharf der Blick aus den braunen, sprühenden Augen, deren dunkle Brauen glänzten genau wie die dunklen Langhaare um die braunen Marderseher. Tiefbraun und schimmernd das Haupthaar, blaß wie Elfenbein das Gesicht. Und wie beim jungen Mustela die Kehle hochgelb leuchtet, trug die Dame ein goldfarbenes Seidenband um den Hals; daran hing ein Medaillon. Zwischen den leicht geöffneten Lippen schimmerten wahrhaftige Marderzähnchen.
Die eigenartige Schönheit wirkte betäubend auf den stillen, ernsten Weidmann.
Fürstin Sophie sprach: „Meine Hofdame, Fräulein von Gussitsch! Die vorzustellenden Herren sind Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall und Admonter Stiftsherr, und unser Oberförster, Jagdleiter Hartlieb!“
Die Herren verneigten sich.
Der Kammerdiener, ein hoch und breit gebauter, ältlicher Mann in verfeinerter Steierertracht, meldete diskreten Tones, daß serviert sei.
Freundlich nickend, befahl die Fürstin: „Gut, Norbert! Weisen Sie die Plätze an! Graf Thurn, Ihren Arm, bitte! Und Herr Hartlieb führt Fräulein von Gussitsch zu Tische!“
Wieder flammten Hartliebs Wangen, und schier hörbar klopfte das Jägerherz da „Mustela“ die Hand in den Arm des Oberförsters legte. Zu Tische geleiten konnte er die interessante schöne Dame, aber nicht einen einzigen Ton brachte er über die zuckenden Lippen. Und vergebens fragte er sich in Gedanken, wo er die Augen bei der Begrüßungsfeier gehabt haben mußte, da er die Hofdame gar nicht gesehen hatte. Allerdings war beim Empfang sein Interesse ausschließlich auf die neue Gebieterin konzentriert gewesen.
„Mustela“ war Hartliebs Tischnachbarin. Sehr angenehm und dennoch fatal, prickelnder Nervenkitzel und lähmende, hilflose Verlegenheit des an derlei Situationen nicht gewöhnten Waldbeamten: offen die Augen und doch blind.
Gut das Diner, diskret und rasch serviert, wenig Wein.
Fürstin Sophie plauderte mit Pater Wilfrid, fragte bunt durcheinander wegen der Plätze im Oratorium der Haller Kirche, nach Ortsnamen, Kirchenbedürfnissen. Und im Handumdrehen, mit graziösen Scherzesworten war Pater Wilfrid zum „Hofkaplan“ ernannt.