Schluß. Die Gäste hatten sich zu empfehlen. In Gnaden huldvoll entlassen. Graf Thurn wurde zu einem kleinen Vortrage zurückbehalten.
Stumm wanderten die Freunde Hartlieb und Pater Wilfrid durch die Dämmerung auf dem Sträßlein zum Forsthause zurück. Des Försters Stimmung verriet das Köpfen von Disteln. Wo Hartlieb am Wegrande ragende Disteln sah, schlug er ihnen mit dem Stock die Köpfe ab...
Beim Hause angelangt, mahnte Pater Wilfrid zu Geduld und Ruhe.
„Danke! Der Beginn läßt sich übel an, schlimmer noch, als ich befürchtet hatte!“
„Kopf hoch, lieber Freund! Denken Sie stets an das Sprüchlein: Nicht alles Ungemach, das droht, wird dir begegnen; es muß ja nicht aus jeder Wolke regnen! – Gute Nacht!“
„Gute Nacht, Hochwürden!“
Pater Wilfrid setzte seinen Weg hinaus zum Dörflein Hall fort. Und er wunderte sich, als ihm zu verhältnismäßig später Abendstunde Frau Gnugesser mit rotem Kopf in sichtlicher Erregung begegnete, spitz grüßte und maliziös lächelte.
Grüßend schritt der Pfarrer weiter. Und in Hall bestieg er den seiner harrenden Stiftswagen, um nach Admont zu fahren.
Erst neun Uhr abends war es, doch alles Leben im Jagdschlößl schien bereits erloschen, klösterliche Stille, da die Fürstin sich zurückgezogen hatte.
In einem nordseitig gelegenen Stübchen mit Blick auf den zum Greifen nahen Tannenwald saß Martina von Gussitsch, jetzt im bequemen Hauskleide, am kleinen Tische bei Lampenschein und kritzelte etliche Notizen, die nicht vergessen werden durften und sich zu einer Art Tagebuch gestalteten. So schrieb Martina: „Zweimal täglich im Admonter Postamt nach eingelaufenen Briefen für die Fürstin fragen lassen; das Postfräulein bitten, daß eventuell mit Abendzügen eingetroffene Briefe mit Eilbote herausgeschickt werden! – Seltsam ist die Zappeligkeit der Fürstin, diese Ungeduld wegen anscheinend mit außerordentlicher Sehnsucht erwarteten Briefe vom Filius. – Einstweilen geheimnisvolle Verhältnisse! Möchte wissen, was dem Filius, Muttersöhnchen vermutlich, eigentlich fehlt; kann aber die Kammerfrau Hildegard unmöglich fragen. Nette Leute diese zwei Diener mit so drolligen Steierernamen: Norbert Saurugger, Hildegard Schoiswohl! Prachtvoll! Aber Leute, die vollstes Vertrauen genießen, sich auffallend viel aus dem – Wurschtkessel nehmen dürfen, ohne daß Durchlaucht es verübelt. – Mitwisser? – Schade, daß Prinz Emil mit seinem Adjutanten Baron Wolffsegg schon nach Dresden abgereist war, als die neue ‚Hofdame‘ den Dienst antrat. Seit neun Tagen ‚Hofdienst‘! Wenn ein kleinadeliges Mädel kein Geld hat, nur ein bisserl Protektion, macht man sie zur Lady at court, auch Maid of honour oder gar Lady of the bedchamber genannt! ‚Bettzimmerfräulein‘ auf Deutsch. – Was ich wohl in dieser ‚Hofstellung‘ erleben werde? Rosige Hoffnungen habe ich nicht! Und vor dem ‚Dienst‘ als Begleiterin der Fürstin auf Bergtouren und gar auf Jagden graut mir jetzt schon! Unsereins darf sich doch nicht echauffieren, nie derangiert aussehen, soll immer propre sein... Wie das erreichen, wenn gekraxelt werden muß?! Überhaupt will es mir unsinnig erscheinen, daß Damen jaagern! Ob wirkliche Jagdpassion die Fürstin erfüllt? Oder handelt es sich nur um eine Laune? Oder wurde dieses Jagdgut für den Filius gekauft? Warum ist Prinz Emil aber dann nicht hier, warum kutschiert er im Lande herum? Sonderbar, höchst sonderbar! Es muß irgend etwas dahinter stecken. – Vielleicht kann man vom Grafen Thurn etwas erfahren? – Was wohl der Oberförster für ’ne Seele ist? Schmucker Mann, echter Jägertyp, Waldmensch, aus Eiche geschnitzt oder aus Granit gemeißelt. Einstweilen unbeholfen, rührend naiv, ein großes Kind. Doch nicht, der tiefe Ernst, die Strenge widersprechen solcher Auffassung. Vielleicht fürchtet er die neue Herrschaft? Jagdherr eine – Frau! Komisch muß das für den Jagdoberbeamten sein, wenn nicht unangenehm von wegen der Rücksichtnahme. – Großer Gott, das Jagdkleid! Was nur soll ich anziehen? Besitze ja nur ein Lodenkostüm! Werde nun doch gezwungen sein, in dieser Kleiderfrage die Frau Schoiswohl zu fragen; denn die Maid of honour muß doch genau so gekleidet sein wie die Gebieterin auf der Jagd!... Werde mich nie, nie mit der Jagd befreunden können! Niemals!“