„Nein, nein! Die Pferde müssen geschont werden! Abbestellen, Norbert! Wir bleiben zu Hause!“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Vergnügt ob des Gelingens seines listigen Manövers, bestellte Norbert die Ausfahrt ab. Und bis zum Lunch oblag er dem behaglichen dolce far niente in seiner Kammer. Dann freilich mußte er die Tafel decken für drei Personen, denn Graf Thurn war zum Lunch geladen. Nachmittags gedachte der bequeme Kammerdiener einen länglichen „Schlaf zu tun“ und bis zum abendlichen Diner gründlich zu faulenzen, sich von der Reise zu „erholen“. Doch zwischen Kaviar und Sardinen ereilte Norbert der gemessene Befehl, nach dem Lunch nach Admont zu gehen und die Post zu holen.

Diskret flüsterte der geschulte Diener sein „Zu Befehl!“ Und als er der Fürstin die Silberplatte mit den gebräunten Kalbskoteletten reichte, fragte er mit hingehauchten Worten, ob er den Brief aus Dresden der Eile wegen zu Wagen bringen dürfe.

Was höhere Faulheit war, hielt die Fürstin für rührenden Diensteifer, für den guten Willen, den heiß ersehnten Brief mit großmöglichster Geschwindigkeit in die Bergeinsamkeit zu bringen. Hochbefriedigt von diesem Diensteifer, erteilte die Fürstin durch Kopfnicken ihre Zustimmung.

Noch weilten die Herrschaften bei Tische, da kam Forstwart Gnugesser in Wehr und Waffen schwitzend und mit hüpfendem Bäuchlein angesprungen. Amanda hatte dem von einem Reviergange heimgekehrten Gatten mitgeteilt, daß die Fürstin ihn zum Führer gewünscht habe. Nun war er da und wollte sich melden. Auf sein karges Mittagessen hatte Benjamin verzichtet, um die Fürstin nur ja nicht warten zu lassen. Nun hieß es aber für ihn geduldig warten und hungern.

Nach dem Lunch sprach Fürstin Sophie im Flur des Schlößls mit ihm, hörte seinen Bericht an, wonach in der „Gschwend“ ein schußbarer Hirsch mit einem Ovalgeweih stehe, der noch vor der Brunft abgeschossen werden müsse. Sie gab wegen dieses Hirsches keinen Bescheid und erklärte, daß auf die Führung Gnugessers wegen der unbeständigen Witterung verzichtet werde.

Die grenzenlose Gutmütigkeit veranlaßte Benjamin zu sagen: „Wohl wohl! Ganz wie Duhrlauch wünschen! Halt ein andermal! Wünsche wohl gespeist z’ haben! Empfehl mich g’horsamst!“ Zog sein Hütel und trug Bäuchlein, Rucksack, Hirschfänger, Büchsflinte, Bergstock und sein goldenes Herzelein zurück zum „Steinkasten“. Den fuchsigen Patriarchenbart teilten die leicht zitternden Finger in zwei große Wülste. Dies war das einzige Anzeichen dafür, daß Beni sich über die „Fopperei“ ein bisserl geärgert hatte. Als Gnugesser hungrig wie ein Wolf am „Steinkasten“ ankam, war der Patriarchenbart wieder geglättet und in Ordnung, der kleine Ärger verraucht.

Der von Norbert angekündigte Wolkenbruch kam nicht, nur etliche Regentropfen wagten die Fahrt zur Erde. Und dann guckte Frau Sonne für kurze Zeit in die Haller Bergeinsamkeit. Stolz wie ein Spanier fuhr Norbert nach Admont, selbstverständlich im Fond des Wagens sitzend.

Die Fürstin aber unternahm einen Talbummel, zum reizend gelegenen Sensenwerk am Fuße der „Haller Mauern“. Dann zurück. Um fünf Uhr Tee auf der Terrasse, Versuch einer Handarbeit seitens der Fürstin mit oftmaligem Blick auf das Sträßlein. Fräulein von Gussitsch häkelte gehorsamst und schwieg untertänigst. Graf Thurn war beurlaubt und weilte im „Steinkasten“, beschäftigt mit den Vorbereitungen zur befohlenen Fahrt nach Wien, um vergessene Sachen für die Fürstin zu holen.

Nach sechs Uhr kam Norbert zurück und überbrachte Zeitungen. Der erwartete Brief aus Dresden war nicht eingelaufen.