Seufzend, mit einer Kummerfalte auf der Stirne, machte sich Fürstin Sophie an die Lektüre. Verzichtete aber bald.
„Darf ich vielleicht vorlesen?“ fragte dienstbereit Martina.
„Danke! Ich werde bis zum Diner etwas ruhen! Sorgen Sie bitte dafür, daß nur zwei Gänge serviert werden, alles übrige streichen! Danke, werde allein hinaufgehen!“ Freundlich nickend zog sich die Fürstin zurück.
Mitleidsvoll blickte Martina der Frau nach. Und dann begab sich auch das Hoffräulein auf das Zimmer.
Kaum zwanzig Minuten währte das Diner, zu dem Graf Thurn nicht geladen war. Dann hatte der Dienst für Martina ein Ende für diesen Tag in der Haller Bergeinsamkeit. Huldvolle Entlassung mit Handkuß, tiefer Knicks. „Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“
Ein wehmütiges Lächeln, ein gütiges Kopfnicken. Sophie von Schwarzenstein zog sich mit ihrem Kummer zurück. Im Schlafzimmer harrte ihrer die unentbehrliche Hildegard.
*
Der Wind blies durch das Admonter Ennstal und zwang in den etwas sumpfenden Niederungen Schilf und Riedgräser zu respektvollsten Verbeugungen. Reingefegt war das Firmament, kahl und klar starrten die vielen Felsriesen in den lichten Himmelsdom: weißbestreut die Spitzen der „Haller Mauern“, rechts der Enns die wuchtigen Türme des „Sparafeld“, der „Reichenstein“, das „Hochtor“ und die vielen Bergkolosse, die sich zusammendrängen, um das berühmte „Gesäuse“, eine gigantische, von der tosenden Enns durchflossene Felsenwildnis, zu bilden. Inmitten des lieblich grünen, bergumrahmten Admonter Talbeckens erhebt sich zur Höhe von siebenzig Metern das schlanke, doppeltürmige St.-Blasius-Münster, die elegante Domkirche im gotischen Stile, umgeben von den quaderngefügten Gebäuden des uralten, von vielen Schicksalsschlägen heimgesuchten Benediktinerstiftes Admont.
Wie liebkosend umspielten die Sonnenstrahlen diese Stätte emsigen Fleißes, der Gelehrsamkeit, der Wohltätigkeit und klösterlichen Arbeit.